Franz Joseph Haydn (1732–1809)
SINFONIE NR. 63 C-DUR «LA ROXOLANA» HOB. I:63 (Eszterháza, 1779)


Allegro / Die Roxolana. Allegretto / Menuet – Trio / Finale. Presto

Schon längere Zeit wird die Sinfonie C-Dur Hob. I:63 zum Kreis jener Werke gezählt, die von der über Jahre hinweg dauernden Beschäftigung Joseph Haydns mit verschiedenen Ausprägungen des zeitgenössischen Theaterwesens künden sollen. In seiner heute erklingenden Fassung wurde diese Komposition von dem seit 1763 im Dienste der Fürsten Esterházy stehenden Tenor Leopold Dichtler, von Joseph Elßler senior sowie einem weiteren, nicht namentlich bekannt gewordenen Kopisten zu Papier gebracht. Bei ihrer Arbeit dürften diesen Herren verschiedene Partiturvorlagen zur Verfügung gestanden haben, allen voran die Ouvertüre zu Il mondo della luna, einem Dramma giocoso von 1777, die hier nach einigen Änderungen in der Bläserbesetzung an den Beginn der Komposition gestellt wurde.

Einen weiteren Fall «kompositorischer Wiederverwertung» scheint der zweite Satz darzustellen. Berichten der Pressburger Zeitung zufolge1 dürfte er mit der Schauspielgesellschaft des Carl Wahr, die seit 1772 alljährlich mit einer großen Zahl an Lust- und Trauerspielen auf Schloss Eszterháza gastierte, in Verbindung zu bringen sein. Eines ihrer Erfolgsstücke war Solimann der Zweyte, oder die drey Sultanninen, ein Werk des französischen Dichters Charles Simon Favart, das nach der Pariser Uraufführung des Jahres 1761 in zahlreichen Übersetzungen und vielen Ländern Europas nachgespielt wurde. In den Hauptrollen finden sich Elmira, eine der zärtlichen Schmeichelei wie auch der höfischen Intrige zugewandte Spanierin, Delia, eine Tscherkessin – wundersam schön in Erscheinung und Gesang – und schließlich Roxolane, eine Französin, kämpferisch, emanzipiert und freiheitsliebend wieder. Miteinander eifern sie um die Gunst des «Türkischen Kaisers» Soliman II. Natürlich ist es Roxolane, die am Ende als Siegerin hervorgeht, stellt ihre Figur doch eine Referenz an die historische Gestalt der Hürrem Sultan, Favoritin und späteren Hauptfrau von Sultan Süleyman I. (1494–1566) dar. Die auf dem Gebiet des polnischen Rutheniens (auch Rotruthenien oder Rotrussland) geborene Tochter eines Priesters soll bei einem Raubzug der Krimtataren entführt und als Sklavin nach Istanbul verkauft worden sein, wo sie in den Harem des Alten Serails gelangte. Das Wirken Hürrems war von unerhörten Traditionsbrüchen geprägt. So arbeitete sich die ob ihrer Herkunft auch Rossa oder Roxolana Genannte nicht nur zur Beraterin des Sultans empor, sondern mischte sich auch aktiv in das politische Tagesgeschehen ein. Bei Favart endet die Bühnenhandlung gar mit der Auflösung des Harems durch Roxolane, wodurch eine Ordnung nach europäischem Vorbild hergestellt wird.

Die sich daran anschließende «Krönungs-Ceremonie» sollte – so die Bühnenanweisung des begleitenden Textbüchleins – in einem «Ballet von türkischen Tänzern und Tänzerinnen» enden, die «eine Pantomime nach der Gewohnheit ihres Landes vorstellen».2 Anstelle dieses Balletts dürfte es bei einer Aufführung der im Pressburger Winterquartier befindlichen Wahr'schen Gesellschaft vom 13. Januar 1774 zu einer Tanzeinlage gekommen sein, die mit dem Allegretto der späteren Sinfonie Nr. 63 begleitet wurde: Bei diesem Satz, der in den Stimmen des esterházyschen Originalmaterials mit «Die» bzw. «La Roxolana» überschrieben wurde, lassen sich unterschiedliche Charaktere, möglicherweise sogar ein außermusikalischer Handlungsverlauf herauslesen.

Wie dies im vorliegenden Fall eines Variationssatzes mit einem zwischen c-Moll- und C-Dur-Abschnitten alternierenden Thema vor sich gehen könnte, soll folgender Versuch einer sogenannten Toposanalyse zeigen: Die Vorstellung des tänzerischen, durch kleine Schritte wie große Sprünge gekennzeichneten Themas in Moll, das mit gedämpften Violinen und kleinen Binnenzäsuren aber (noch) ohne innere Konflikte und dynamische Steigerung vonstatten geht, könnte als Beschreibung des für seine Zärtlichkeit gepriesenen Charakters der Elmire erkannt werden. Ihm gegenüber tritt mit solistisch geführten Bläserstimmen, die an das Spiel einer Hautboisten-Bande erinnern, des Themas stolze Durvariante: Roxolana, die Kämpferische. Mit einem Abschnitt, der formal gesehen als eine Variation der anfänglichen Mollvariante bezeichnet werden kann, tritt schließlich noch Delia auf. Die neu hinzutretende Flöte, die mit der chromatisch angereicherten Violinmelodie in der Oberoktave colla parte geht, zeichnet der Tscherkessin exotische Schönheit auf farbenfrohe Weise nach. Gegen Ende des Abschnitts gehen die Melodieinstrumente aber getrennte Wege, was einen Aufbau an Spannung bewirkt, den der nachfolgende zweite Auftritt jener Themenvariante für sich zu nutzen weiß, die zuvor dem Charakter Roxolanens zugeordnet wurde. Mit Forteschlägen der hohen Bläser und Streicher am Ende des ersten sowie einer «in sich gekehrten» piano-Phrase zu Beginn des zweiten Wiederholungsteils zeigt dieser sich von seiner kampfeslustigen wie gefühlvollen Seite gleichermaßen. Kein Wunder, dass eine solche Demonstration äußerer wie innerer Stärke die weibliche Konkurrenz in zunehmende Unruhe versetzt. Solches könnte jedenfalls die anschließende, zweite Variation auf die Elmiren und Delia zuerkannte Moll-Variante zum Ausdruck bringen, die mittels 16tel-Figurationen und gezupften Begleitakkorden, einer abwärts gerichteten Achtelskala mit staccato-Keilen und abschließendem Unisono-Gang (inklusive forzato-Akzent und vermindertem Septimsprung abwärts) auf das Heftigste dramatisiert wird. Ein Trio aus Oboen und Fagott kündet vom Sieg der Französin, der im Tutti von Bläsern und Streichern – die ersteren im sprechenden Gestus, die letzteren nun gänzlich ohne Dämpfer – mit einer 32-taktigen Coda gefeiert wird: Lebe, würdige Sultane! Lebe, Lebe Roxelane!

Es bleibt die Frage, was Haydn um die Jahreswende 1779/80, auf welche das in der Esterházy-Sammlung zu Budapest bewahrte Aufführungsmaterial datiert wurde, dazu bewegt haben könnte eine Opernouvertüre, eine Ballettpantomime zu einem Türkenstück und ein hinzukomponiertes Menuett samt Presto-Finale von buffoneskem Charakter kurzerhand zu einer neuen, vollgültigen Konzertsinfonie zu vereinen. Eine Möglichkeit: Man liest sie als ein Werk, das zum Gedenken an die glanzvolle Vergangenheit des esterházyschen Theaterwesens komponiert worden war – eine Würdigung gegenüber Fürst Nikolaus und seiner unmittelbar gefällten Entscheidung, das am 18. November 1779 zum Opfer der Flammen gewordene große Opernhaus noch schöner und prachtvoller wieder aufbauen zu lassen.

1 Siehe Pressburger Zeitung. Das 12. Stück. Mittwoch, den 9. Februar, 1774, S. 4 sowie vergleichenderweise: Pressburger Zeitung. Das 5. Stück. Mittwoch, den 18. Jänner, 1775, S. 7.

2 Solimann der Zweyte, oder die Drey Sultaninnen. Ein Lustspiel in drey Handlungen. Aus dem Französischen des Herrn Favart. Uebersetzt von St. Wien, gedruckt bey Johann Thomas Edlen v. Trattnern, k. k. Hofbuchdruckern und Buchhändlern. 1770, S. 94-97 [= 84-87]. Universität Wien, Theater-Bibliothek Pálffy (BP 003/02).