ANONYMUS (Heinrich Ignaz Franz Biber zugeschrieben)
SONATA JUCUNDA D-DUR C. App. 121 / B. IV 100 (Kroměříž / Kremsier, ca. 1677–1680)

Adagio – Presto – Adagio – Allegro – [ohne Tempobezeichnung]

Zum Beginn des zweiten Programmteils unternehmen wir einen Abstecher in eine der kulturell wie (volks)musikalisch reichsten Gegenden des ehemaligen Habsburgerreichs: die Region Hanna im tschechischen Mähren, deren BewohnerInnen durch ihren in Mittel- und Osteuropa betriebenen Handel weithin bekannt waren.

Das wohl bedeutendste Werk des späten 17. Jahrhunderts, das die Musik der Hannaken auf kunstvolle Weise zu imitieren sucht, stellt die anonym überlieferte ⁄ für zwei Violinen, drei Bratschen und Basso continuo dar. In der bedeutenden Sammlung des Bischofs Karl von Liechtenstein-Kastelkorn in Kroměříž (Kremsier) erhalten geblieben, wurde die «heitere Sonate» durch den Komponisten, Trompeter und Chorleiter Paul Josef Vejvanovský und zwar vermutlich zwischen 1677 und 1680 zu Papier gebracht.1

Wie bei anderen Werken, die an bäuerliches Musizieren erinnern, wird auch hier – etwa ab der Mitte der Komposition – der Eindruck eines ungeordneten, bisweilen sogar fehlerhaften Zusammenspiels vermittelt. So kommt es beispielsweise zu einer Situation, in der die Stimmen von Violino primo und Violetta zur gleichen Zeit in D-Dur und D Mixolydisch erklingen, wozu sich wenige Takte später die tiefer gelegenen Bratschen mit (auf leeren Saiten gespielten) offenen Quinten gesellen. Ausgesprochen scherzhaft gibt sich auch der folgende Abschnitt, der die kleine Sekunde zum komischen Merkmal erklärt. Die Pointe hierzu wird in den letzten sechs Takten der Sonata quasi «nachgeliefert»: der Streit um die richtige Tonart ist endlich beigelegt und eine kurze, aber feierliche Solopassage beendet den fröhlichen Reigen.

1 Vgl. Robert Rawson: «Courtly Contexts for Moravian Hanák Music in the 17th and 18th centuries», in: Early Music, Bd. 40, Heft 4, November 2012, S. 577-591.