Franz Joseph Haydn (1732–1809)
SINFONIE NR. 43 ES-DUR «MERKUR» HOB. I:43 (1770/1771?)

Allegro / Adagio / Menuet – Trio / Finale. Allegro

Haydns Erfahrungen mit Volksmusik rührten nicht nur aus seiner familiären Vergangenheit, sondern vor allem aus Begegnungen in und um die Residenzen seiner Herrschaft her. Welch selbstverständlichen Anteil diese am höfischen Leben der Fürsten Esterházy hatten, zeigt folgender Auszug eines Berichts von den Hochzeitsfeierlichkeiten der Maria Theresia Johanna Gräfin von Lamberg-Sprinzenstein, einer Nichte Nikolaus I., die auf Schloss Eszterháza im Herbstmonat des Jahres 1770 abgehalten wurden:

[…] bald aber zog ein anderes Schauspiel die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich, da nämlich eine große Menge dasiger Landbauern und Bäuerinnen ganz unvermuthet zum Vorschein kam, welche durch Bauerntänze, ihre ländlichen Gesänge, und ihre große Freude, die auf ihren Gesichtern lebhaft sich zeigte, zur Belustigung der hohen Gesellschaft nicht wenig beitragen; dieses Bauernfest dauerte bis in den größten Theil der Nacht hinein, wobey man Sorge trug, mit reichlicher Ausspendung von Wein, und vielen Speisen, dasselbe immer mehr zu beleben.1

Wie es sich für die zwischen 1768 und 1775 abgehaltenen (spät-)sommerlichen Hoffeste gebührte, war des Fürsten «ungarisches Versailles» mit seinen Schloss- und Theatergebäuden, seinem Park mit Caffee- und Chinesischem Haus, Heremitage, diversen Tempeln und angrenzendem Tiergehege Schauplatz aller nur erdenklichen Lustbarkeiten: Von Opernaufführungen und Maskenbällen über Konzerte der Hofkapelle und allerlei Darbietungen der derzeit gastierenden Schauspieltruppen bis hin zu Jagden und Feuerwerken.

So ist anzunehmen, dass im Zuge der erwähnten Feiern im September des Jahres 1770 nicht nur des fürstlichen Kapellmeisters neues «italiänisch gesungenes Lustspiel, le Pescatrici oder die Fischerinnen», sondern auch eine seiner jüngsten Sinfonien zur Aufführung kam. Aus stilistischer wie chronologischer Sicht könnte es sich dabei ohne weiteres um diejenige in Es-Dur Hob. I:43 gehandelt haben. Das Werk, welches von Robbins Landon mit dem Orden einer «Austrian Chamber Symphony par excellence» ausgezeichnet wurde und zum Repertoirestück der Musique du Roy am Hofe Ludwig XVI. avancierte,2 sollte einst mit dem Beinamen »Merkur« versehen werden. Ob hier eine Verwechslung mit Sinfonie Nr. 50 stattgefunden haben könnte, deren Anfangssätze einst als Ouvertüre zur Marionettenoper Philemon und Baucis Verwendung dienten,3 bleibt fraglich. Wahrscheinlicher ist, dass ihre Namensgebung einer gewissen Modeerscheinung jener Zeit entspricht, derzufolge kammermusikalische Sinfonien mit den Namen klassischer Götter belegt wurden, ohne dass sich dahinter konkrete programmatische Inhalte erkennen ließen. Als Beispiel hierfür wären die Sinfonien des mit Haydn befreundeten Geigers und Komponisten Wenzel Pichl zu nennen, der in den frühen 1770er Jahren die Stelle des Konzertmeisters am Wiener Kärtnertortheater innehatte und später von Mailand aus als Musikagent der Fürsten Esterházy tätig war.

Aus einem (dem Anlass entsprechenden?) Überraschungseffekt mit dreimaligem Forteschlag und kantablen Streicher-Zwischenspielen entwickelt sich eines der längsten Themen, das Haydn jemals an den Anfang einer Sinfonie stellte. Fast möchte man meinen, der Komponist habe sich zu sehr in die «entspannte Schönheit» seines ersten Gedankens verliebt, der«etwas ziellos um die erste Umkehrung des Tonikadreiklangs zu kreisen [scheint].» Aber gerade das – meint James Webster – sei Haydns Absicht gewesen. Geradezu demonstrativ weigere er sich «etwas zu tun, so dass wir zunehmend unruhig werden, mehr und mehr das Bedürfnis haben, etwas neues zu hören.»4 Wie ein verspätetes Geschenk künden im Forte herabstürzende Sechzehntremoli dann schließlich doch vom Ende des Themas und leiten mit einer energiegeladenen Passage in den lyrischen Seitensatz hinüber. Von hier aus führt uns der Weg durch eine Region wilder Skalen. Begleitet vom forschen Gang der Streicherbässe geht es unter der zerklüfteten Silhouette einer violinistischen Achtel-Kette hindurch bis zum ersten Doppelstrich. Nach jener Tour de force, die zwischendurch mehrfach vor einem vorzeitigem Abbruch stand, dürfte das Adagio mit seinem «geradezu rhapsodisch verströmenden Ausdruck der Empfindsamkeit»5 dem Publikum einst einem Quell erfrischend kühlen Wassers geglichen haben. Mit einem lebhaften Menuetts nimmt die Komposition wieder an Fahrt auf. Für eine Überraschung sorgt abermals das Trio, das sich in seiner motivischen Gestalt gleichsam tänzerisch wie rhythmisch instabil verhält. Ausgesprochen populär geht es im Finalsatz zu, einem singenden Allegro mit an den zweiten Wiederholungsteil angehängter 41-taktiger Coda: «Die Zeit scheint aufzuhören, die Notenwerte werden immer langsamer. Schließlich verhallen alle Klänge – bis auf die erste Geige, die sich zu einem rätselhaften ges'' hinaufschwingt. Es folgt eine von Haydns «wunderbaren Stillen»,6 dann stürzt sich die Musik in ein letztes Tutti und führt diese elegante Kammersinfonie zum Schluss.

1 Wienerisches Diarium oder Nachrichten von Staats, vermischten und gelehrten Nachrichten. Verlegt bey den von Ghelischen Erben. Nro. 77. Mittwoch den 26. Herbstmon[at] 1770, S. 5.

2 H.C. Robbins Landon: Haydn: Chronicle and Works, Bd. 2, Haydn at Eszterháza: 1766-1790, London: Thames and Hudson, 1978, S. 300.

3 Vgl. A. Peter Brown: The Symphonic Repertoire. Vol. II. The First Golden Age of the Vienese Symphony: Haydn, Mozart, Beethoven, and Schubert. Bloomington & Indianapolis: Indiana University Press, 2002, S. 128.

4 James Webster: Hob.I:43 Symphonie in Es-Dur. Informationstext zur Sinfonie Nr. 43 der Haydn-Festspiele Eisenstadt: http://www.haydn107.com/index.php?id=2&sym=43.

4 Walter Lessing: Die Sinfonien von Joseph Haydn, dazu: sämtliche Messen. Eine Sendereihe im Südwestfunk Baden-Baden 1987-89, hg. vom Südwestfunk Baden-Baden in 3 Bänden. Bd .2, Baden-Baden 1989, S. 39.

4 H.C. Robbins Landon 1978, S. 300.