Franz Joseph Haydn (1732–1809)
SINFONIE NR. 28 A-DUR HOB. I:28 (Eisenstadt, 1765/66)


Allegro di molto / Poco adagio / Menuet. Allegro molto – Trio / Presto assai

Unter den «Wiener Klassikern» gilt Joseph Haydn als derjenige, welcher der Volksmusik am nächsten stand und das nicht nur weil er im dörflichen Umfeld aufgewachsen und von klein auf durch das häusliche Musizieren der Familie geprägt worden war. Gegenüber den Kollegen, die sich in den urbanen Zentren der Habsburger-Monarchie betätigten, wurden ihm auch die Standorte seines späteren beruflichen Wirkens (insbesondere Eisenstadt und Eszterháza) zum Vorteil – vor allem, wenn es darum ging, sich mit den Ausdrucksformen der in nächster Nähe siedelnden Kroaten, Roma und Ungarn in kreativer Weise auseinanderzusetzen. Tatsächlich ist das «Populare» in Haydns Werken beinahe omnipräsent, sind Tänze und Liedgut der «einfachen Bevölkerung» zu integralen Bausteinen seiner musikalischen Welt geworden.

Was deren Zielpublikum – also Fürst Nikolaus I. Esterházy und seinen Gästen – offensichtlich gut gefiel, stieß anderswo auf umso größere Ablehnung. Ein prominenter Fall, bei dem die traditionell im mittel- bis norddeutschen Raum angesiedelte Zunft der «Musiktheoretiker» wieder einmal mit der «eigene[n] und originellen Manier des Herrn Hayden» in Konflikt geriet, stellt die in einem Pariser Sammeldruck veröffentlichte Sinfonie in A-Dur Hob. I:28 dar. Diese, so Johann Adam Hiller, Herausgeber und Rezensent der Musikalischen Nachrichten und Anmerkungen auf das Jahr 1770, habe «ein hiesiger Componist ohnlängst in eine erträgliche Form gebracht, und die Auswüchse derselben abgeschnitten». Und weiter heißt es: «der letzte Satz im 6/8 Tacte ist im Drucke ganz ausgelassen; hätte man doch lieber das alberne Trio zusammt der Menuet hinweg gelassen!»1

Worin bestanden sie aber nun, die angeblichen «Auswüchse» dieser Sinfonie und was war an dem Trio «albern»? Nehmen wir den Menuettsatz zum Beispiel: Anstelle des zu erwartenden mäßig geschwinden Tempos ist Allegro molto vorgegeben. Außerdem wird der edle Charakter des Tanzes von Beginn an durch verschiedene Kompositionselemente konterkariert. Zu nennen wäre da etwa der Bariolage – eine effektvolle Spieltechnik, bei der eine Tonwiederholung in schneller Folge zwischen leerer und gegriffener Saite changiert – sowie ein von kraftvollen Sprüngen durchsetzter, an alpenländische Jodler erinnernder Melodieverlauf. Das Trio schafft dazu einen eindrücklichen Kontrast. Mit seinen drehleierartigen Begleitfiguren und einer Melodie, die sich im denkbar kleinen Rahmen einer verminderten Quarte bewegt, weckte es bei H. C. Robbins Landon das Bild eines «verlorenen Balkan-Liedes, das weit über die Puszta hinweg erklingt.»2

Auch für das Poco adagio mit seiner deutlich vernehmbaren Konversation verschiedener musikalischer Charaktere hatte der amerikanische Haydnforscher eine mögliche Erklärung parat. So vermutete er, dass es sich bei diesem außergewöhnlichen Satz ursprünglich um die Musik zu einem Schauspiel gehandelt haben könnte. Auffällige Parallelen zur Komposition der Sinfonien Nr. 60, 65 und 67 (bekannt aus den Haydn2032 Projekten «Il distratto» und «Gli impresari») sowie der Umstand, dass für Monate April und Mai 1765 die Gesellschaft der Josepha Schulz nach Eisenstadt verpflichtet worden war, wo sie mit volksnahen Singspielen, Burlesken und Hanswurstiaden zu begeistern wusste, scheinen Landon recht zu geben.3 Der Beschaffenheit des Autographen, des unruhig durchpulsten Allegro di molto mit seinen plötzlich hereinbrechenden Unisonopassagen sowie des «frechen» Menuet und seines «albernen» Trios wegen könnten freilich noch weitere Sätze von Hob. I:28 eines theatermusikalischen Ursprungs gewesen sein. Die Zukunft möge den Beweis dazu erbringen …

1 Johann Adam Hiller (Hg.): Musikalischen Nachrichten und Anmerkungen auf das Jahr 1770. Erster Theil vom 1ten bis 13ten Stück. Leipzig, Im Verlag der Zeitungs-Expedition. 1770. […] Fünftes Stück. Leipzig den 29ten Januar 1770 […] Nachrichten, S. 37-38.

2 H.C. Robbins Landon: Haydn: Chronicle and Works, Bd. 1, Haydn: The Early Years: 1732-1765, London: Thames and Hudson, 1980, S. 573.

3 Vgl. daselbst, S. 573-574.