Franz Joseph Haydn (1732–1809)
Sinfonie D-Dur Hob. I:4 (1757-1760)

von Christian Moritz-Bauer

I. Presto
II. Andante
III. Finale. Tempo di Menuet

Die Sinfonie in D-Dur Hob. I:4 gehört zu jenen Kompositionen Joseph Haydns, die seiner Stellung als Kapellmeister bei Graf Karl Joseph Franz von Morzin im westböhmischen Dolní Lukavice (Unter-Lukawitz, südlich von Pilsen gelegen) zugeschrieben werden und von 1757 bis kurz vor Haydns Ruf nach Eisenstadt im Frühjahr 1761 gedauert haben dürfte. Zwar lautet ihre älteste mit einer (wahrscheinlich verlorengegangenen) Abschrift in Verbindung stehende Datierung auf 1762, doch konnte sie die Haydnforscherin Sonja Gerlach infolge ihrer chronologischen Untersuchungen im entstehungsgeschichtlich direkten Anschluss an die vier sogenannten «Erstlinge» – gemeint sind die Sinfonien Nr. 1, 37, 18 und 2 – einreihen. 1 (Bekannterweise geht die nach wie vor gebräuchliche traditionelle Nummerierung auf ein 1908 publiziertes Verzeichnis von Eusebius Mandyczewki für die von Breitkopf und Härtel begonnene Gesamtausgabe der sinfonischen Werke Haydns zurück, dem zwar in vielen Fällen eine nur unzureichende Reihung, dafür aber bereits eine einwandfreie Trennung von originalen wie unterschobenen Kompositionen gelungen war.)
Als Hauptquelle des nicht in der Eigenschrift des Komponisten erhalten gebliebenen Werks wird ein Stimmensatz aus der im ungarischen Keszthely aufbewahrten «Fürnberg-Sammlung» gewertet, wobei sich deren Name auf Karl Joseph Edler von Fürnberg bezieht, dessen Familienstammsitz sich einst in Schloss Weinzierl im niederösterreichischen Wieselburg an der Erlauf befand. Jedenfalls soll der Baron nicht nur den jungen Tonschöpfer an den befreundeten Morzin empfohlen, sondern im Laufe der kommenden Jahre auch eine Reihe an Musikhandschriften erworben haben, die für die Dokumentation von Haydns sinfonischem Frühwerk von besonderer Bedeutung ist.

Zu den Charakteristika der ersten Haydn-Sinfonien gehören neben der zumeist nur dreisätzigen Anlage oft ein Finale im 3/8-Takt, das im Fall von Hob. I:4 dann im Tempo di Menuet vorzutragen wäre, v.a. aber «schlanke Texturen, tadellose formale Logik [...] sowie eine überraschend kontrapunktisch gedachte Stimmführung, die sich gar gerne unter einer Fassade galanter Gesten versteckt hält». 2
Eben diese letztgenannten galanten Gesten sind es, die – gepaart mit einem tänzerischen «drive“ und prägnanten Horneinwürfen – das eröffnende Presto durchziehen. Besondere Beachtung gebührt auch dem kontrastierenden in der Molldominante angesiedelten Seitengedanken, vor allem aber – so James Webster 3 – jener «eindrucksvoll zweifach modulierten Crescendo-Sequenz sowie dem langen spannungsgeladenen Übergang» vom zweiten zum dritten «Hauptperioden» (um mit den zeitgenössischen Termini des Rudolstädter Musiktheoretikers Heinrich Christoph Koch zu operieren).

In eine geradezu befremdlich andere, uns aus den Alleinseins-Szenarien der L'isola disabitata-Ouvertüre sowie Haydns Vertonung des Petrarca-Sonetts «Solo e pensoso» vielleicht schon etwas vertraut gewordene Welt entführt das anschließende Andante mit unruhig gegeneinander verschobenem Grundrhythmus, über den sich eine «einsame» Kantilene der ersten Violinen erhebt und durch sein con sordino auszuführendes Klangbild eine mithin als «geisterhaft“ umschriebene Atmosphäre bewirkt. Jedenfalls vermag der Mittelsatz einen durchaus nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen, durchzieht doch ein leiser Faden der Melancholie das bereits erwähnte, indes auch vergnügliche Züge annehmende Finale, welcher an einer Stelle sogar recht unüberhörbar hervor bricht, wenn nämlich «die vom Forte ins Piano und Pianissimo zurückgehende Dynamik, die plötzliche Wendung von D-Dur nach d-Moll, die stockende Melodik der Violinen und zuletzt das Hinzutreten der beiden Hörner mit einer lang gehaltenen Oktave» […] zur «Intensivierung des Orgelpunkts» beitragen. (Walter Lessing nimmt hier auf die gleichmäßig pochende Achtelbewegung der tiefen Streicher zu Beginn des zweiten Formabschnitts Bezug.) 4

1 Sonja Gerlach, Joseph Haydns Sinfonien bis 1774. Studien zur Chronologie, in Haydn-Studien 7/1-2 (1996), S. 70ff.

2 Neal Zaslaw, Rezension „Joseph Haydn, The Morzin Symphonies 1758-1760, […] L'Estro Armonico, directed by Derek Solomons, in: Early Music, January 1983, S. 125.

3 James Webster, Joseph Haydn. Sinfonien für Graf Morzin, ca. 1757-60, in: Haydn Symphonies c. 1757-60 […] The Academy of Ancient Music, Christopher Hogwood, volume 1, London 1993, S. 49f.

4 Walter Lessing, Die Sinfonien von Joseph Haydn, Band I, Baden-Baden 1987, S. 16.