Franz Joseph Haydn (1732–1809)
Sinfonie Nr. 42 D-Dur Hob. I:42 (1771)

von Christian Moritz-Bauer

I. Moderato e maestoso
II. Andantino e cantabile
III. Menuet. Allegretto – Trio
IV. Finale. Scherzando e presto

War in Bezug auf das Orchestervorspiel der Isola disabitata bereits vom Idiom des «Sturm und Drang» im Sinne einer in den Jahren um 1770 in Mode gekommenen, affektisch überzeichneten musikalischen Ausdrucksweise die Rede, so wird denn leicht übersehen, dass besonders auch in Haydns kompositorischem Denken jener Zeit eine ganze Reihe weiterer Eigentümlichkeiten am Werk erkennbar sind, deren Fortbestand sich als vergleichsweise nachhaltiger erweisen sollte. Unter Forschern ist hier u.a. von einem «popularen Stil» die Rede, bzw. davon, dass Haydns sinfonisches Schaffen – aufgrund der von seinem Dienstgeber angeordneten Beschäftigung mit dem Musiktheater einerseits, sowie durch befruchtende Kontakte zum zeitgenössischen Sprechtheater andererseits – sich in zunehmender Form zum «Theatralischen» hin entwickelte. So wurden etwa der Kopfsatz der 1771 komponierten Sinfonia in D, Hob. I:42, mit seiner Litanei an entsprechenden Floskeln, seinen Akkordschlägen, singenden Violinmelodien, Unisono-Passagen von aufsteigenden Skalen und fallenden Dreiklangsbrechungen bis hin zu einem im Orchestertutti auskomponierten Crescendo gar als «eine italienische Opernsinfonie parodierend« 1 dargestellt. Tatsächlich scheint es im Moderato e maestoso von Einigem «etwas zu viel» zu geben, wobei allein die Anzahl von bis zu 448 Takten (bei Ausführung im vorgeschriebenen Tempo und Einhaltung aller Wiederholungen) ihn zu einem der längsten Instrumentalsätze Haydns werden lassen – ein Umstand also, der nach einer kleinen Bestandsaufnahme verlangt: Dem thematischen Hauptgedanken folgt nicht nur ein, sondern kurz vor Ende des ersten Formabschnitts («Exposition») auch noch ein zweiter, recht keck daher kommender Nebengedanke samt dynamisch kontrastierender Überleitung. Der zweite Abschnitt («Durchführung») besticht durch eine trügerische Haupt- und eine ebensolche Nebenkadenz – zwei «Scheinreprisen» also – während der dritte (die eigentliche «Reprise») an einem überraschenden, traumverhangenen Punkt ins Stocken und vorzeitige Verklingen gerät.

«Fünf verschiedene melodische Theile, bey denen noch überdieß bis zur ersten Cadenz weiter kein melodisches Verlängerungsmittel gebraucht ist, als die Wiederholung» 2 erkennt ein Zeitgenosse Haydns, der bedeutende Musiktheoretiker Heinrich Christoph Koch in dem recht nachdenklich erscheinenden, bisweilen von gezügelten Geistesblitzen bestimmten Andantino e cantabile. Eine solche Stelle wurde von Haydn selbst mit den berühmten Worten «Dieses war vor gar zu gelehrte ohren» gekennzeichnet und gehört zu einer Passage in der die 1. Violine ursprünglich einen vor sich hin seufzenden, kurzen Alleingang hätte vollziehen sollen. Im mittleren Teil dieses A-Dur-Satzes, dem Koch in seinem Versuch einer Anleitung zur Composition ein kleines Denkmal setzte, bestimmen Molltonarten das harmonische Geschehen, wobei es mit fortschreitender Zeit erscheint, als suche der Tonschöpfer selbst voller Verzweiflung nach einem Ausweg aus der Finsternis in fis, bis auch der letzte Hoffnungsschimmer erloschen ist. Da eilt – bekräftigt durch wohltuende Bläserfarben – die plötzliche Wiederkehr des in sich ruhenden Anfangsthemas zu Hilfe. Von schwebender Leichtigkeit ist auch das mit kreiselnden Achteltriolen ausstaffierte Allegretto-Menuett erfüllt, während das den Streichern allein überlassene Trio wie ein akustischer Ausflug in die bezaubernde Vogelwelt des nahegelegenen Neusiedlersees anmutet. Eine grundsätzlich höhere Beachtung hat seit jeher indes das folgende Finale. Scherzando e presto erhalten, bei dem es sich Sonja Gerlach zufolge um «Haydns erstes Variationenrondo», also ein «festgefügtes fünfteiliges Rondo, mit der […] Besonderheit, daß die wiederkehrenden Refrains variiert sind» 3 handeln würde. Besonders spannend wird es natürlich – wie so oft in Rondosätzen – in den dazwischen liegenden Couplets, wo wir es hier an erster Stelle mit einer spritzigen Harmoniemusikeinlage für 2 Oboen, 2 Hörner und 2 Fagotte zu tun haben, an zweiter Stelle hingegen mit einer Wanderung durchs düstere Reich der Mollvariante, deren sprunghafte Ausbrüche ein wenig an Einen der auszog das Fürchten zu lernen erinnern.

1 A. Peter Brown, The Symphonic Repertoire Vol. II – The First Golden Age of the Viennese Symphony: Haydn, Mozart, Beethoven and Schubert, Bloomington 2002, S. 130.

2 Heinrich Christoph Koch, Versuch einer Anleitung zur Composition, 3. Teil, Leipzig 1793, S. 382.

3 Sonja Gerlach, Joseph Haydns Sinfonien bis 1774. Studien zur Chronologie, in Haydn-Studien 7/1-2 (1996), S. 192.