Franz Joseph Haydn (1732–1809)
Ouvertüre zu «L'isola disabitata» Hob.XXVIII:9 (1779)

von Christian Moritz-Bauer

Largo – Vivace assai – Allegretto – Vivace [assai]

Zum Namenstag von Nikolaus I. Esterházy de Galantha, am 6. Dezember 1779 (oder am Vorabend der dazu anberaumten Feierlichkeiten), also nur drei Wochen nach dem großen Theaterbrand auf Schloss Eszterháza uraufgeführt, nimmt die von niemand geringerem als Pietro Metastasio nach Motiven aus Robinson Crusoe von Daniel Defoe ausgearbeitete Azione teatrale namens L'isola disabitata eine Sonderstellung ein: Mit nur einem Bühnenbild versehen – Ort der Handlung ist eine einsame, von der Meeresbrandung umspülte westindische Insel, auf der dreizehn Jahre zuvor zwei Schwestern von einem Unwetter gezwungenermaßen Zuflucht gesucht und selbige seitdem nicht mehr verlassen haben – ließ sich das Werk ohne die sonst übliche, aufwändige Ausstattung zur Aufführung bringen. Dafür gibt es im ganzen sieben an- bis aufrührende Arien und zu guter Letzt ein Quartett, das die einst von Seeräubern entführten und nun zurückgekehrten Freunde Gernando und Enrico mit Costanza und Silvia gemeinsam anstimmen. Auch werden sämtliche Rezitative accompagnato, d.h. in der besonders dramatischen orchesterbegleiteten Form ausgeführt, wie dies z.B. auch in Orfeo ed Euridice von Christoph Willibald Gluck der Fall ist.
Die Ouvertüre in g-Moll, welche sich (gemäß der darin zum Ausdruck gebrachten theatralischen Affekte) mit dem Idiom des «Sturm und Drang» im sinfonischen Schaffen unseres Komponisten in Einklang bringen lässt, begann schon in den frühen 1780er Jahren ein gewisses Eigenleben zu führen:

[...] was die Sinfonie von meiner dermahligen ganz neuen opera, welche noch gar nicht verfertigt[!] betrifft, kan ich Ihnen mit der Sinfonie nicht eher als nach ersten producirung dienen, wollen Sie aber unterdessen zwey andere von meinigen Opern, welche noch niemand, ja gar keine Seele in besiz hat, könen Sie das Stück per 5 Ducaten haben, Verspreche anbey, daß ich Ihnen das halbe duzent ergänzen werde [...] 1

Dass es sich bei diesen gegenüber der Wiener Kunst- und Musikalienhandlung Artaria & Comp. im August 1782 angepriesenen Vorschusslorbeeren zunächst noch um das im Entstehen befindliche Instrumentalvorspiel des Orlando paladino handelte, sei nur am Rande erwähnt. Jedenfalls konnte der in Geschäftsdingen bekanntermaßen tüchtige Haydn bereits wenige Wochen später «anverlangte 5 Stück, rein, und Corect geschriebener und gut verfasster Sinfonien» auf den Postweg schicken, deren «Herausgabe, welche wegen Kürze der Stücke den stich sehr wohlfeil machen, einen nahm haften gewinst machen werden» 2. Schließlich erfuhren sie (infolge einer nicht immer spannungsfrei verlaufenden weiteren Korrespondenz mit den Firmeneignern Carlo und Francesco Artaria) dann als SEI SINFONIE A GRAND ORCHESTRE Opera XXXV ihre Wiedergeburt: die Orchestervorspiele der Esterháza-Opern L'incontro improvviso, Lo Speziale, La vera costanza und L'infedeltà delusa, gefolgt vom oratorischen Il ritorno di Tobia und angeführt von L'isola disabitata als Sinfonia I.
Die in vier Abschnitte unterteilte Ouvertüre zu L'isola disabitata gehört zweifelsohne zu den am interessantest gearbeiteten ihrer Art: Während Haydn andere Arbeiten entweder in der traditionellen Dreisätzigkeit der italienischen Opernsinfonie stehen oder deren einsätzige Gestalt – wie bei Il mondo della luna – den Komponisten zur Wiederverwendung als Kopfsatz einer Konzertsinfonie verleiteten, fungiert sie hier als veritable Vorwegnahme des anschließenden dramatischen Geschehens: eine Art tonmalerischer Darstellung der trotz aller quälenden Verzweiflungszustände gebliebenen inneren Standhaftigkeit der Hauptprotagonistin.
Haydn hatte seine «unbewohnte Insel» wohl besonders geliebt: «wan Sie erst meine operett l’Isola disabitata und meine lezt Verfaste opera la fedeltà premiata hören würden: dan ich Versichere, daß dergleichen arbeith in Paris noch nicht ist gehört worden und vielleicht eben so wenig in Wienn» 3, schrieb er im Mai 1781. Auch wenn er der Oper keine zweite Spielzeit zugestehen konnte – zu sehr war die herausfordernde Rolle der Costanza auf das besondere Können der italienischen Sopranistin Barbara Ripamonti zugeschnitten – so konnte doch wenigstens deren Ouvertüre verbreitet über div. Abschriften und Nachdrucke noch im Verlauf des 18. Jahrhunderts an allerlei Orten in Europa gefallen, darunter in einer Bearbeitung des Allegretto für Gesang, Pianoforte und weitere ad libitum gesetzte Instrumentalstimmen über einen eigens dazu gedichteten englischen Liedtext: „Gentle Sleep, mine eyelids close“.

1 Haydn an den Verleger Artaria Wien, 16. August 1782, siehe: Joseph Haydn. Gesammelte Briefe und Aufzeichnungen, hg. von Dénes Bartha, Kassel u.a. 1965, S. 118.

2 Haydn an den Verleger Artaria, Wien, 29. September 1782, siehe ebd., S. 119.

3 Haydn an den Verleger Artaria, Wien, 27. Mai 1781, siehe ebd., S. 97.