Franz Joseph Haydn (1732–1809)
SINFONIE NR. 26 D-MOLL HOB. I:26 «Lamentatione» (1768)


Allegro assai con spirito / Adagio / Menuet – Trio

War es in der programmeröffnenden Sinfonie ein der Karsamstagsliturgie zugehöriges Alleluja, das in den Orchestersatz verwoben wurde, so zitierte Haydn in dem hier behandelten Werk gleich zwei Choralmelodien. In der um etwa drei Jahre jüngeren und trotz seiner niedrigeren Ordnungszahl in der Chronologie des Haydn'schen Œuvre um ganze zehn Positionen später anzusiedelnden Sinfonie Hob. I:26 scheinen diese sowohl im ersten als auch im mittleren der drei Sätze auf: ein dem Vortrag der mit verteilten Rollen gelesenen Passionsgeschichte und ein den Lamentationes Jeremiae Prophetae, den in den Nachtgebeten von Gründonnerstag bis Karsamstag gesungenen Klageliedern des Propheten Jeremias, zugehöriger Lektionston.
Angesichts der inhaltlichen Bezüge zur Leidensgeschichte Jesu Christi wurden auch im Fall dieser Komposition immer wieder Stimmen laut, die sich zugunsten einer ursprünglichen Verwendung einzelner oder auch sämtlicher Sätze zu kirchenmusikalischen Zwecken – etwa in der Liturgie oder im Rahmen von Andachten – aussprachen. Bewiesen werden konnten solche Vermutungen jedenfalls noch nicht – zumindest was die Situation in Eisenstadt betrifft. Anderswo, wie z. B. im Augustiner-Chorherrenstift Herzogenburg, spricht das dort erhaltene, mit «Passio et Lamentatio» überschriebene Aufführungsmaterial in einem hohen Maße für eine solche Verwendung, finden sich doch an bestimmten Stellen im Allegro assai con spirito und zwar in der stimmführenden 2. Violine gewisse, dem Passionsspiel zuzuordnende Personenangaben, wie «Evang:[elista] (T. 17, mit deklamatorischem Charakter), «Christ:[us] (T. 26-31, im Piano mit schreitenden, halben Noten) und Jud:[ae] (T. 35-37, mit hämmernden Vierteln und plötzlich aufrauschender Geigenfigur) wieder.
Auch der heute gebräuchliche Beiname der Sinfonie, entweder im italienischen Nominativ als «La Lamentazione» oder in der lateinisch-deklinierten Form als «Lamentatione» überliefert, findet sich in mehreren zeitgenössischen Kopien der verloren gegangenen Haydn'schen Eigenschrift wieder.
Charakterlich betrachtet wurde Hob: I:26 aufgrund seiner Tonart, der Intensität der darin zum Ausdruck gebrachten Leidenschaften und nicht zuletzt der (relativ) nahen Entstehung einer «Trauer-» oder «Abschiedssinfonie» (Hob. I:44 bzw. 45), der Sinfonie H-Dur Hob. I:46 oder «La Passione» Hob. I:49, dem vermeintlichen Kanon der sog. Sturm und Drang-Werke Joseph Haydns zugeordnet.
Die aus dem Leiden hervorgehende musikalische Trauerarbeit (Sechzehnteltriolen der 1. Violinen als instrumentaler Gegenpart zum Lamentationston von Oboe solo und Violino secondo), folgt dann im anschließenden Adagio, dessen «besondere Klangfarbigkeit» (Übernahme der Stimmführung durch das Tutti der Holzbläser bei Einsatz der Reprise, harmonische Bereicherung derselben durch wohl platzierte neapolitanische Sextakkorde), so Ludwig Finscher, wiederum «auf das kommende Osterwunder» hinzudeuten scheint. Auch ohne Choralzitate wohnt dem Menuett-Finale eine besondere Intensität inne. Von Anfang an erzeugen sein herber, zwischen Moll und Dur changierender Tonfall, die neapolitanische Harmonik sowie der zweideutige Rhythmus eine gedrückte, bisweilen aber auch bereits neuen Mut schöpfende Stimmung.

1 Vgl. Ludwig Finscher: Joseph Haydn und seine Zeit. Laaber Verlag, Laaber, 2000, S. 267.