Joseph Martin Kraus (1756–1792)
OUVERTÜRE (SINFONIA DA CHIESA) D-MOLL VB 147
(Wien, 1783 / Stockholm, um 1790?)


Largo / Alla capella

Ein Zeitgenosse, dessen kompositorisches Schaffen in hauptsächlicher Weise der Welt der Sakralmusik zugerechnet werden kann, war Johann Georg Albrechtsberger, wie Joseph Haydn im Niederösterreichischen geboren und diesem über viele Jahre hinweg freundschaftlich verbunden.
Mit ihm und seiner «ehrlichste[n] Fugen Seele auf Gottes Erden» durfte während seines von April bis Oktober 1783 dauernden Wien-Aufenthalts ein bildungsreisender Wahlschwede namens Joseph Martin Kraus Bekanntschaft machen. Diese führte schließlich dazu, dass der «kreuzbrave Albrechtsberger» dem jungen Kollegen Einsicht in seine Ouvertüre zu Die Pilgrime auf Golgatha, einem 1781 für die Wiener Tonkünstlersocietät verfassten Oratoriums gewährte. Dass jenes Adagio mit anschließender Allegro moderato-Fuge alsbald zu einer unerlaubten Abschrift gelangen und diese wiederum ihren Weg nach Stockholm finden sollte, hatte gewisse rezeptionsgeschichtliche Folgen, die sich aus der Sicht des Kraus-Biographen Fredrik Samuel Silverstolpe folgendermaßen darstellen:

«Unter den Sinfonien, die in späterer Zeit unter Kraus' Namen aufgeführt wurden, gibt es eine in d-Moll mit Fuge, zu der hier folgende Erklärungen gegeben werden sollen: Diese Arbeit hat Kraus niemals als vollständig eigene herausgegeben. Seine Komposition ist nur das erste ausgiebige Largo mit einem Fagott-Solo; dieses hatte er später auch als Introduktion zur Begräbnismusik für Gustav III verwendet. Die danach eintretende Fuge, zu der er zuerst die oben genannte Einleitung geschrieben und am Ende eine Coda hinzugefügt hatte, ist von Albrechtsberger und von diesem als Ouvertüre zu einem Oratorium gesetzt, [...] dem als Einleitung ein Adagio mit Blasinstrumenten dient. [...] In dieser [...] Zusammenstellung wurde sie zweimal in unseren Karfreitagskonzerten in der [schwedischen] Hauptstadt gegeben.»

Das Jahr 1790, in welchem vermutlich zum ersten Mal die Streicherfuge von Albrechtsberger mit dem darvorgestellten Kraus'schen Largo in der Stockholmer Sankt Nikolai-Kirche erklungen war, sollte im Leben Joseph Haydn eine Zäsur mit historischen Folgen bedeuten, denn an dessen 28. September starb mit Nikolaus I. Joseph, der fünfte Majoratsherr aus dem Hause Esterházy de Galantha. Ihm und seinem älteren Bruder Paul II. Anton hatte Haydn über beinahe drei Jahrzehnte treu und ergeben gedient. Nun war er ob der von Nikolaus Sohn Anton I. veranlassten Auflösung der esterházyschen Hofkapelle mit einem Mal frei und ungebunden, was ihn auf Betreiben des Violinisten und Konzertveranstalters Johann Peter Salomon jene lang geplante Reise nach England antreten ließ, die bekanntlich die Entstehung solch bedeutender Werke wie die zwölf «Londoner Sinfonien», aber auch das Oratorium Die Schöpfung zur Folge haben sollte.

1 Zit. nach Irmgard Leux-Henschen: Joseph Martin Kraus in seinen Briefen. Svenskt Musikhistoriskt Arkiv / Edition Reimers: Stockholm 1978, S. 258f.: Brief an die Eltern in Amorbach/Odenwald, «Wien den 28t Junius 1783».

2 Zit. nach Fredrik Samuel Silverstolpe: Biographie af Kraus med bilogar af femtio bref ifrån honom. J. Hörberg: Stockholm, 1833, S. 156f. & Några återblickar på rygtets snillets och konsternas verld. P. A. Norstedt & Söner. Stockholm, 1841, S. 47f. Übersetzung: Jens Dufner, 9.12.2016.