Franz Joseph Haydn (1732–1809)
Sinfonie Nr. 1 D-Dur Hob. I:1 (1757)

von Christian Moritz-Bauer

I. Presto
II. Andante
III. Finale: Presto

Als Joseph Haydn 17 Jahre alt war, d.h. also 1749, musste er seine erste musikalische Wirkungsstätte – das Kapellhaus von St. Stephan zu Wien – verlassen. Sein Stimmbruch hatte längst eingesetzt und zudem soll er die Dummheit begangen haben, einem Mitsänger den Zopf abzuschneiden ... Es folgten Jahre materieller Not, in denen er sich «kumerhaft herumschleppen» musste, jedoch dabei mit großer Ausdauer komponierte wie musizierte («ich würde das wenige nie erworben haben, wan ich meinen Composition Eyfer nicht in der nacht fortgesezt hätte, ich schriebe fleissig, doch nicht ganz gegründet»). Von folgenreicher Bedeutung war für ihn damals das Zusammentreffen mit Niccolò Porpora, der ihm nicht nur «die ächten Fundamente der sezkunst», sondern auch Kontakte zur adeligen Gesellschaft vermittelte. Der Opern- und Oratorienkomponist von europäischem Ruf residierte nämlich – genau wie Haydn – im sog. Michaelerhaus (letzterer allerdings vergleichsweise ärmlich, in einer ungeheizten, zugigen Dachkammer. Als am Klavier begleitender Assistent des auch als Gesangslehrer überaus gefragten Neapolitaners betreibt Haydn ein mit der Zeit immer erfolgreicheres «networking», trifft in den Stadtpalais und auf den nahegelegenen Landsitzen des Adels auf manch musikalischen Wegbereiter und -begleiter, wie etwa Gluck, Wagenseil und Dittersdorf. Ob es sich nun in Mannersdorf am Leithagebirge, einem Modebad der Zeit, oder doch an einem anderen Ort zugetragen hat – um 1755 trifft Haydn in der Person des Baron Carl Joseph Edler von Fürnberg auf den wichtigsten Förderer seiner noch jungen Karriere, wird von ihm zum gemeinsamen Musizieren auf Schloss Wienzierl in Niederösterreich eingeladen, zur Komposition seiner ersten Streichquartette anregt, und schließlich – welch enormer Schritt in die Zukunft – an die Grafen Morzin, d.h. Ferdinand Maximilian Franz oder vielmehr dessen Sohn Karl Joseph Franz vermittelt, der gerade einen Musikdirektor für seine neue Hofkapelle suchte.. Den migratorischen Gepflogenheiten der Zeit entsprechend verbrachten diese den Sommer auf ihrem Familiensitz, dem nahe Pilsen gelegenen Dolní Lucavice sowie den Winter in Wien, dort allerdings als Mieter im Palais des Fürsten Batthyány.
Die Lebensumstände, derer sich Haydn in seinem ersten Dienstverhältnis erfreuen konnte, schienen im Vergleich zu seiner bisherigen Situation, geradezu hervorragend. Haydn erhielt freie Unterkunft, ein Jahresgehalt von 200 Gulden und wurde an der Offizierstafel verköstigt. Leider wissen wir darüber hinaus so gut wie gar nichts über die Zeit, die Haydn zur Hälfte im westlichen Böhmen verbrachte. Nicht einmal über das Jahr der Anstellung – manche wollen sie auf 1759 datieren, andere früher – ist sich die Nachwelt einig. Dabei scheint des Rätsels Lösung doch ganz einfach – falls man ein wenig um die Ecke zu denken bereit ist und der gegenüber Georg August Griesinger getätigten Aussage vertraut, laut der sich der in die Jahre gekommene Tonschöpfer «lebhaft erinnert» haben soll, dass jenes Werk, um das es im Folgenden gehen wird, unter seinen Sinfonien tatsächlich das erste gewesen sei.

Eine im südböhmischen Krumau aufbewahrte, von einem Wiener Berufskopisten stammende Stimmenabschrift der als zweitälteste angesehenen Haydn-Sinfonie Hob. I:37 trägt die Jahreszahl [1]758. Da nun eine in fürstlichen Diensten entstandene Komposition (den Gepflogenheiten der Zeit entsprechend) nicht vor einem Jahr nach Vollendung auf dem Musikalienmarkt erscheinen durfte, so stammt sie – wie auch die zuvor entstandene Hob. I:1 – folglich aus 1757. Da Haydn zudem vor seiner Ernennung zum Leiter der Morzin'schen Hofmusik «vermutlich keinen Anlass hatte, Sinfonien oder andere größere, insbesondere mit Bläsern besetzte Werke zu schreiben», dürfte demnach auch sein Amtsantritt in genau jene Zeit gefallen sein.

In wieweit Haydn, der sich sein Handwerkszeug zu größten Teilen autodidaktisch erworben hatte, vor oder während der Komposition seiner sinfonischen Frühwerke nach Vorbildern gesucht oder sich nur hatte inspirieren lassen, ist schwer zu beurteilen. Jedenfalls wurde der Beginn der Sinfonie Nr. 1 lange Zeit mit der sog. Mannheimer Schule und deren zum Sprichwort gewordenem Orchestercrescendo in Verbindung gebracht. Solch eröffnende Gesten mit einer im Tutti angelegten, sich über trommelnden Bässen erhebenden, in Tonhöhe wie Dynamik ansteigenden Linie, wie sie die eröffnenden Takte einnimmt, finden sich aber nicht nur in den Werken der Mannheimer sondern auch manch eines Wiener Zeitgenossen wieder und alle schöpfen sie aus dem Fundus der italienischen Opernsinfonie, in deren dreisätziger Form auch unser Erstlingswerk steht. Seine Energie und überbordende Fülle an kontrastreichem, thematischen Material, seine durch Tremoli, virtuose Läufe mit kontrapunktischen Interaktionen und mitreißenden Hornfanfaren zum Ausdruck gebrachte innere Erregtheit: all dies malt sie mit Tönen nach – die Aufbruchstimmung, die Leidenschaft eines geradezu beflügelt agierenden jungen Künstlers.
Verblasst da nicht alle Kritik der Herren Analytiker? Manch einer gerät sogar ins Schwärmen – Ludwig Finscher beispielsweise – bei dem, über das anfängliche Presto berichtend, von «Konzentration der Form – ein ausgebildeter Sonatensatz mit knapper Durchführung», einem die Reprise vorbereitenden «musikdramatischen Ausbruch» und einem meisterhaften, «ganz detail-ökonomischen Aufbau» die Rede ist.
Das zentrale Andante, in dem (nach frühklassischer Manier) die Bläser zu schweigen haben und ein von den 1. Violinen vorgestelltes, später dialogisch wiederkehrenden Triolenmotiv eine besondere Bedeutung erhält, «begründet die unnachahmlich lebhafte Tiefsinnigkeit, die so charakteristisch für Haydns Andante-Mittelsätze ist.» (James Webster)
Mit einem raketenartig aufsteigenden D-Dur-Dreiklang zündet Haydn im Finalsatz von Hob. I:1 – abermals ist Tempo Presto vorgeschrieben – ein kurzes aber umso leuchtenderes Feuerwerk, welches die Qualität eines typischen «Rausschmeißers» in sich trägt, dabei aber mit einigen (überaus gewollten) unerwarteten Unvorhersehbarkeiten auf sich aufmerksam macht, wie etwa ein satzübergreifendes «Motivrecycling» vor Eintritt der Reprise.

Der Dienst des Joseph Haydn im Hause Morzin währte nur wenige Jahre: In Folge eines Vermögensverlustes, so heißt es, habe der Graf seine Kapelle erst reduzieren und schließlich auflösen lassen. In wieweit Haydn das Ende seines Directeur-Postens hatte kommen sehen, muss dahin gestellt bleiben. Jedenfalls finden wir ihn – und das obwohl per Morzin'schem Vertrag angeblich ein ausdrückliches Heiratsverbot bestand – auf Freiersfüßen wieder. Haydn hatte sich verliebt und zwar in die Tochter des Perückenmachers Johann Peter Keller aus der Wiener Vorstadt Landstraße. Sie hieß Therese und war seine Klavierschülerin gewesen. Aber anstelle in den Bund der Ehe einzugehen, trat sie ins Kloster der Piaristinnen ein. Warum? Wir wissen es nicht. Eine mögliche Erklärung wäre, dass die Eltern Theresens das «Recht der Eheschließung« – weil ihnen ihr Geld nur für eine Mitgift zu reichen erschien – zum Privileg der älteren Tochter erklärten. Diese hieß bei den Kellers Maria Anna Aloysia und sollte am 26. November 1760 mit Haydn die Ringe tauschen – obwohl ihre Natur so überhaupt nicht zu der seinigen passte. Angeblich hatte sie einen Hang zur Geldverschwendung, war zanksüchtig und ganz und gar nicht kunstsinnig. Kurz nach der Hochzeit soll sie erklärt haben, dass es ihr völlig egal sei, ob ihr Ehemann ein Komponist oder ein Schuster sei. Die Ehe blieb ohne Kinder und dauerte beinahe 40 Jahre, bis zum Tode Maria Annas im Jahre 1800.

1 Dieser wie auch die folgenden O-töne Haydns entstammen der sog. "Skizze einer Autobiographie" welche am 6. Juli 1776 und in Briefform an eine Mademoiselle Leonore verfasst, wohl zur Aufnahme in «Das gelehrte Österreich», ein lexikographisches Werk des Staatsrechtler und Schriftstellers Ignaz de Luca gedacht war.

2 Dass es einst der jüngere Morzin gewesen war, der für Haydns Anstellung gesorgt hatte, kann wiederum aus der autobiographischen Skizze von 1776 abgeleitet werden, in der der Autor von der «Reccomendation des Sel: [also verstorbenen] Herrn v. fürnberg bey Herrn grafen v. Morzin» berichtet. Wenn es in Wahrheit der ältere Morzin (†1763) gewesen wäre – hätte ihm hier nicht korrekterweise auch etwas «Seligkeit» zugeteilt werden müssen?

3 Hinzu kommt, dass Haydn – als er in späten Jahren im Auftrag des Verlagshaus Breitkopf & Härtel eine Liste seiner Sinfonien durchsah – die früheste Gruppe mit dem Zeitraum 1757-67 überschrieb.

4 Ludwig Finscher, Joseph Haydn und seine Zeit, Laaber 2000, S. 130.

5 Derzeitigen Erkenntnissen zufolge sollen es in etwa vierzehn Sinfonien gewesen sein, bevor ihn der Ruf der Fürsten Esterházy ereilte. Nach traditioneller, jedoch chronologisch neu geordneter Zählung handelt es sich dabei um die Nummern 1, 37, 4, 5, 25, 32, 33, 11, 3, 107 («A»), 2, 15, 10 und 27.

6 Als dem Beginn Haydn-Sinfonie besonders nahestehendes Vergleichswerk führt A. Peter Brown (The Symphonic Repertoire Vol. II – The First Golden Age of the Viennese Symphony: Haydn, Mozart, Beethoven and Schubert, Bloomington 2002) Florian Leopold Gassmanns Sinfonia zur Oper L'Issipile (1758) an.

7 Finscher, Joseph Haydn und seine Zeit, S. 133.