Wilhelm Friedemann Bach (1710–1784)
Sinfonia F-Dur C2 Fk 67


I. Vivace
II. Andante
III. Allegro
IV. Menuetto I alternativement – Menuetto 2 – Menuetto 1 da capo

Wie schon die als Jagdstück verklungene Haydn-Sinfonie Nr. 22, so versteht auch ein auf die Dresdner Zeit (1733-1746) des ältesten Bach-Sohnes zurückgehendes Streicherwerk in sich alte mit neuen Kompositionsideen zu verbinden – und das nicht nur wegen des nach Suitenart an die dreiteilige Form der neapolitanischen Opernsinfonia angehängten Menuettsatzes mit kanonisch geführtem Mittelteil, bei welchem, so Peter Wollny, „es sich offenbar um ein Favoritstück Wilhelm Friedemanns handelte.“ Mehrfach auch in anderem Kontext [wie etwa der Cembalo-Sonate in C-Dur Fk 1A] überliefert, erscheint er mit seinem feierlich-ruhigen Ton vom Geiste eines Georg Friedrich Händel erfüllt.
Diesem voran steht hingegen eine Musik, die – um nochmals die Worte Johann Friedrich Daubes aufzugreifen – in der „Veränderung und Zertheilung ihrer melodischen Glieder“, vor keinem auch noch so heftigen Kontrast zurückscheut und selbst auf erfahrene Zuhörer mitunter befremdlich zu wirken vermag: ein Vivace, das wie eine barocke Ouvertüre beginnt, alsbald jedoch von immer gewagteren Intervallsprüngen, plötzlich dahinstürmenden 16tel-Tonrepetitionen und einer von Pausen zerfurchten Rhythmik, die „dem Instrumentalstil eines Jan Dismas Zelenka verpflichtet [scheinen]“ eingenommen wird, ein Andante, das mit seinen fallenden Arpeggi und chromatischen Vorhaltsketten an zeitgenössische Bühnenwerke eines Johann Adolf Hasse erinnert, sowie ein von Echoeffekten, markanter Rhythmik und dynamischen Gegensätzen geprägtes Allegro.

Wenngleich dem von erheblichen Verlusten betroffenen Œuvre Friedemann Bachs traditionellerweise keine besondere Rolle in der Entwicklung der klassischen Sinfonie beigemessen wird, zumal es bis in die letzten, zu Berlin verbrachten Lebensjahren des Komponisten scheinbar keinerlei weitere Verbreitung erfahren hat, genießt es doch heutzutage den Ruf einer auffällig frühen Ausprägung des sog. Empfindsamen Stils, der einst zum Markenzeichen seines damit allerdings weitaus größere Berühmtheit erlangenden Bruders Carl Philipp Emanuel werden sollte.

1 Wilhelm Friedemann Bach, Gesammelte Werke, Bd. 6, Orchestermusik III: Sinfonien, hrsg. von Peter Wollny, Stuttgart 2010, S. VI.

2 Die sich daraus ergebende Satzfolge entspricht also nahezu derjenigen des gleichfalls in F-Dur komponierten Brandenburgischen Konzerts Nr. 1 von Johann Sebastian Bach.

3 Johann Friedrich Daube, Der musikalische Diletantt: eine Abhandlung der Komposition, Wien 1773, S. 162.

4 Wilhelm Friedemann Bach, Gesammelte Werke, a.a.O, S. VI.

5 Vgl. Marc Vignal, Die Bach-Söhne: Wilhelm Friedemann, Carl Philipp Emanuel, Johann Christoph Fiedrich, Johann Christian, Laaber 1999, S. 52ff.