Franz Joseph Haydn (1732–1809)
Sinfonie Nr. 22 Es-Dur Hob. I:22 (1764) «Der Philosoph»


I. Adagio
II. Presto
III. Menuetto. Trio
IV. Finale: Presto

Mit der Sinfonie in Es-Dur Hob. I:22 kehren wir in jene Zeit zurück, in der Joseph Haydn noch das Amt des Vizekapellmeisters der Fürsten Esterházy versah, in Rücksicht auf das fortgeschrittene Alter seines Vorgesetzten Gregor Joseph Werner aber bereits alle Bereiche der Hofmusik mit Ausnahme des geistlichen mit Eigenkompositionen zu versorgen hatte.
Das Autograph des auf 1764 datierten, unter den frühen Haydn-Sinfonien auffällig oft programmierten Werkes, schreibt – im Gegensatz zu den meisten seiner Sekundärquellen wie Partitur- und Stimmabschriften – eine Bläserbesetzung mit Englischhörnern (anstelle der sonst üblichen Oboen oder Flöten) und Waldhörnern vor. (Das aus der Familie der Doppelrohrblättrigen stammende Altinstrument, bei dem es sich um eine verkleinerte, mit einem birnenförmigen, auch „Liebesfuß“ genannten Schallbecher versehene Version der barocken Oboe da caccia handelt, findet im kompositorischen Schaffen Haydns nach den Divertimenti der frühen 1760er Jahre (Hob. II:12, 16, und 24) und vorliegender Sinfonie nur noch in einigen Vokalkompositionen, wie etwa der c-Moll-Arie „Non v'è chi mi aiuta“ aus La Canterina (1766), im Stabat mater (1767) oder der „Großen Orgelsolomesse“ (1768/69) Gebrauch.)
Sollte die besetzungstechnische Besonderheit von Hob. I:22 (zumindest am Hofe der Esterházys) auch binnen weniger Jahre wieder außer Mode kommen, so durfte sie sich doch – als erste nach den Tageszeiten-Sinfonien von 1761 – der später erfolgten Verleihung eines Beinamens erfreuen. Im vorliegenden Fall rührt er, „Le Philosoph[e]“ (Der Philosoph/Il filosofo), von einem in Modena befindlichen Stimmenmaterial, genauer gesagt dem Titelvermerk einiger darin enthaltener Streicherdubletten her, welches um 1780 in Wien angefertigt und später von Musikern der (dem Hause Habsburg-Lothringen nahestehenden) Herzöge von Este erweitert worden sein dürfte.

Seit jeher sind Haydnforscher wie -kenner ob der kompositorischen Qualitäten von Hob. I:22 von sehr verschiedener Meinung, wobei vereinzelt, wie etwa von A. Robert Brown sogar die Ansicht vertreten wird, dass die Berühmtheit, die ihr zuteil wurde, nur auf der Besonderheit ihrer Instrumentierung und ihrem einprägsamen „nicht authentischen Beinamen“ beruhe und folglich „ihre [kompositorischen] Leistungen [deutlich] übersteige]“.
Wer möchte sich hier nicht viel eher der Meinung des bereits genannten Herrn Robbins Landon anschließen, der im Falle des eröffnenden Adagio mit seiner „Kombination aus Englisch- und Waldhörner, gedämpften Violinen, tiefen Streichern, dazu vielleicht einem Fagott“ von Instrumentalklängen unglaublicher Schönheit schreibt, die zu den originellsten („the most original“) Tonschöpfungen Haydns zählen würden.

Nach Walter Lessing liegt über dem Kopfsatz des „Philosophen“, dessen „durchlaufende […] Achtelbewegung die choralartige Melodie der Bläser grundiert“ und folglich das Bild eines vorbeischreitenden, tief in Gedanken versunkenen Menschen evozieren könnte, „eine Aura des Altertümlichen“. Denken wir nur an jene in den Verlauf der Reprise eingewobenen Takte, die mit ihren abwärts gleitenden Vorhaltsdissonanzen über sequenzartiger Fortschreitung der Bassstimme so sehr nach einem Concerto grosso Arcangelo Corellis klingen. Dass Haydn hier aber nicht allein rückwärts schauend komponierte, lehrt uns ein Blick in die zu Leipzig und Wien publizierten Generalbass- und Kompositionslehren des bisher nur wenig beachteten Johann Friedrich Daube (1730-1797), worin der Gedanke der „freyen Nachahmung“ als Charakteristikum des modernen Kompositionsstils betrachtet und eine Integration der alten, „künstlichen“ in die neue, „natürliche“ Schreibart empfohlen wird.

Nichts schien einem Haydn jedoch natürlicher als wenn er sich, inmitten eines schöpferischen Akts befindlich, von seinem „Humor“ leiten ließ; worunter – ganz dem Empfinden der Zeit entsprechend – sowohl seine als allgemein heiter beschriebene Geisteshaltung, als auch manch situationsbedingte Gemütsverfassung (die ihm von Kritikerseite so gerne als bloße „Laune“ angekreidet wurde) zu verstehen wäre.
Eine besondere Ausprägung Haydn'schen Humors – hier wohl durch die etwas eigenwillige, nicht unbedingt jedermanns Geschmack treffende Farbe der Englischhörner angeregt – hat das an zweiter Stelle in der Satzfolge des „Philosophen“ stehende Presto aufzuweisen, welches mit seinem von durchlaufenden Achteln geprägten, motivreichen Streichersatz an die Salzburger Werke des jüngeren Bruders Johann Michael erinnert.
Die führende Position in dessen heiter-fröhlichem Klangbild wird natürlich von den ersten Violinen eingenommen, die sich aber nicht zu schade sind auch eine unterstützende Rolle anzunehmen, als ihren doppelrohrblättrigen Mitstreitern nach mühsam erkämpfter Höhenlage nunmehr der halbe Aufstieg zum triumphierenden b'' gelingen vermag.
Umso erstaunlicher, wenn – nach vorübergehender Erholung im divertimentohaften Menuett mit dazugehörigem, ländlerisch-entspannten Trio – sich beide Hörnerpaare im rasanten Wechselspiel des Jagdstimmung verbreitenden Presto-Finale noch einmal gegenseitig die Stirn bieten.

Zwar war es unseres Tonschöpfers Angewohnheit die Eigenschriften seiner Kompositionen anstelle genauer Datierungen meist nur mit einer Jahreszahl zu versehen, doch ist es der Forschung nach eingehender Untersuchung gelungen, die Sinfonien von 1764 ihrer Entstehung nach folgendermaßen zu ordnen: 23, 22, 21 und 24. Somit bilden zwei von „normalem“ Aufbau (schnell – langsam – Menuett – schnell) den Rahmen für weitere zwei an der Satzfolge der Sonata da chiesa orientierte Werke.

Noch im Geburtsjahr des „Philosophen“, genauer gesagt im Dezember 1764, kam es am Wiener Kärntertortheater – einem Vorläuferhaus der heutigen Staatsoper – zur Aufführung einer deutschsprachigen Adaption der Komödie „Il filosofo inglese“ von Carlo Goldoni als „Die Philosophinnen, oder Hanswurst der Cavalier in London zu seinem Unglück“.
Ob hierzu – wie von Elaine Sisman zur Diskussion gestellt – einst die Musik aus Hob. I:22 erklang, erscheint fraglich, aber keineswegs unmöglich. Ein diesbezügliches Argument könnte jedenfalls die Verbindung zwischen Haydns späterer f-Moll-Sinfonie Hob I:49 („La Passione“) und des durch die Schauspieltruppe Karl Wahrs zur Aufführung gebrachten „rührenden Lustspiels“ La jeune Indienne (Die junge Indianerin) von Nicolas Chamfort darstellen, welche der Autor dieser Zeilen mit neuen Erkenntnissen zu belegen vermochte.

1 Der Name Englischhorn leitet sich vermutlich vom ursprünglich rundformigen, an die Engelshörner aus kirchlichen Bilddarstellungen erinnernden Aussehen der Instrumente ab.

2 Biblioteca Estense, Sig. D.145

3 A. Peter Brown, The Symphonic Repertoire Vol. II – The First Golden Age of the Viennese Symphony: Haydn, Mozart, Beethoven and Schubert, Bloomington 2002, S. 89.

4 H. C. Robbins Landon, The Symphonies of Joseph Haydn, London 1955, S. 257f.

5 Walter Lessing, Die Sinfonien von Joseph Haydn, Band I, Baden-Baden, 1987, S. 82.

6 Generalbaß in drey Accorden, gegründet in den Regeln der alt- und neuern Autoren, Leipzig 1756; Der musikalische Dilettant, Wien 1773; Anleitung zur Erfindung der Melodie und ihrer Fortsetzung, Wien 1798

7 Vgl. Felix Diergarten, „Anleitung zur Erfindung“. Die Kompositionslehre Johann Friedrich Daubes, in: Musiktheorie 23 (2008), insbesondere S. 312-313.

8 Im Falle der Sinfonie Nr. 22 vermutet Sonja Gerlach einen früheren Beginn der Niederschrift als bei Nr. 21, hält sie aber zugleich für die später vollendete der beiden. Vgl. Sonja Gerlach, Joseph Haydns Sinfonien bis 1774. Studien zur Chronologie, in Haydn-Studien 7/1-2 (1996), S. 110f. Dieser „Tatbestand“ deckt sich mit einer auf „Eisenstadt, den 9ten July 764“ datierenden Zahlungsanweisung, derzufolge ein gewisser Mathias Rockobauer für die Herstellung von Rohrblättern für Oboen, Fagotte und Englischhörner entlohnt werden sollte.

9 Weitere Haydnsche Sinfonien in da chiesa-Form finden sich unter den Nummern 4, 18, 34, 42 und 49.

10 Elaine R. Sisman, Haydn's Theater Symphonies, in: Journal of the American Musicological Society, 43 (1990), S.333ff.

A. Peter Brown, The Symphonic Repertoire Vol. II – The First Golden Age of the Viennese Symphony: Haydn, Mozart, Beethoven and Schubert, Bloomington 2002, S. 89.
H. C. Robbins Landon, The Symphonies of Joseph Haydn, London 1955, S. 257f.