Franz Joseph Haydn (1732–1809)
Sinfonie Nr. 47 G-Dur Hob. I:47 (1772)


I. Allegro
II. Un poco adagio, cantabile
III. Menuetto e Trio al roverso
IV. Presto assai

Ein vollkommen andersartig, jedoch nicht weniger eindrücklich gestalteter Tanzsatz, steht im Zentrum der Sinfonie in G-Dur Hob. I:47, der ihr auch den gelegentlich anzutreffenden Beinamen „Palindrom“ bescherte. Vielleicht waren es ja jene mit geistreich platzierten Akzenten versehene zehn Menuett- und zwölf Triotakte, die, weil sie dem Einfall des Komponisten entsprechend, zuerst wie notiert, dann aber al roverso, d.h. in spiegelbildlich-verkehrter Folge vorgetragen werden sollten, einem Wolfgang Amadeus Mozart so sehr gefielen, dass er dem Werk einen Auftritt bei seinen musikalischen Akademien in Wien bescheren wollte. Dies jedenfalls geht aus einer handschriftlichen Notiz hervor, welche sich heute im Besitz der Historical Society of Philadelphia befindet.

Eine besondere Anziehungskraft weiß aber auch der in Haydns Eigenschrift ohne Tempobezeichnung überlieferte Kopfsatz auszustrahlen, der sich mit seinen terrassenförmig aufgeschichteten Bläserfanfaren wie eine „große C-Dur-Symphonie“ gibt und den dissonantreich-spannungsgeladenen Anfangsakkorden feinpunktierte Violineinwürfe und „schubertisch entspannte“ Triolenläufe mit sachte oben aufgelegter Oboenkantilene gegenüber stellt.
So ist auch die Wirkung von durchaus heftiger Natur, wenn wir uns bei Eintritt der Reprise mit einem Mal im gegengeschlechtlichen g-Moll wiederfinden. Der Schrecken weilt aber glücklicherweise nicht lange und wird durch den anschließenden Variationssatz mit ausgedehnter Coda – als dessen unmittelbares Vorbild der zweite Satz aus der Nr. 4 der „Sonnenquartette“ op. 20 gedient haben dürfte – mit doppeltem Kontrapunkt in der Oktave, fagotto sempre col basso und zartblühenden Bläserfarben in den von Streicherklängen umrahmten Mittelteilen noch zusätzlich abgemildert.
Die sich von Abschnitt zu Abschnitt verkürzenden Notenwerte – der hierfür gebräuchliche Fachbegriff nennt sich „Diminutionsvariationen“ – schlagen bereits eine Brücke zum werkbeschließenden, die klassische Rondoform vortäuschenden Presto assai. Sein leise dahinjagendes Streicherthema – zu dessen Ausführung das schnellste in Haydns sinfonischem Schaffen jemals geforderte Tempo vorgeschrieben ist – kontrastiert mit lärmenden Tutti- und abgründigen Mollpassagen, als deren sonderbarste, geradezu exotisch anmutende Zutat wohl jene Vorschlagsfigur zu bezeichnen wäre, welche der 2009 verstorbene große Haydnforscher H. C. Robbins Landon einst auf den Namen „Balkan snap“ taufte.

Wenngleich Hob I:47 in einer gegenüber dem fis-Moll der Abschiedssinfonie bzw. H-Dur der Nr. 46 vergleichsweise „normalen“ Tonart notiert wurde, so präsentiert sie uns doch „einen Komponisten, der den überlieferten Traditionen nicht mehr zu folgen gewillt ist. Ein jeder Satz verabschiedet sich von den Konventionen früherer Haydn'scher Werke und der Wiener Sinfonie in seiner Gesamtheit / a composer who is unwilling to be comfortable with tradition; each movement departs from the conventions of Haydn's previous and the Viennese symphony in general.“ (A. Peter Brown)

1 Sonja Gerlach hält es für nicht ausgeschlossen, dass Haydn hier „von einer Modewelle beeinflusst war“ und führt einen von 1770 datierenden Hinweis aus Johann Adam Hillers Musikalischen Nachrichten und Anmerkungen auf „eine künstliche Menuet von Herrn Capellmeister [Carl Philipp Emanuel] Bach in Hamburg“ an, die „als Räthsel vorgelegt“ wurde. Vgl. S. Gerlach, Joseph Haydns Sinfonien bis 1774. Studien zur Chronologie, in Haydn-Studien 7/1-2 (1996), S. 178

2 Auch Fürst Nikolaus I. Esterházy scheint „einen Narren“ an der Spielerei seines Kapellmeisters „gefressen zu haben“, wird es doch – nach A-Dur transponiert – in einer ihm zu 60. Geburtstag gewidmeten Sammlung von Klaviersonaten eine Renaissance erleben.

3 Hinter selbigen könnte sich eine besondere Zuwendung Haydns an den im April 1772 zum 2. Hornisten aufgerückten Johann May verbergen, was mit Gerlachs Datierungsversuch auf „Frühjahr 1772“ durchaus in Einklang zu bringen wäre.

4 Ludwig Finscher, Joseph Haydn und seine Zeit, Laaber 2000, S. 279.

5 H. C. Robbins Landon, Haydn: Chronicle And Works, Vol. II: Haydn at Eszterháza 1766–1790, London 1978, S. 305.

A. Peter Brown, The Symphonic Repertoire Vol. II – The First Golden Age of the Viennese Symphony: Haydn, Mozart, Beethoven and Schubert, Bloomington 2002, S. 139.