Franz Joseph Haydn (1732–1809)
SINFONIE NR. 70 D-DUR HOB. I:70 (1779)

von Christian Moritz-Bauer

Vivace con brio / Andante. Specie d'un canone in contrapunto doppio / Menuet. Allegretto – Trio – Menuet da capo – Coda / Finale. Allegro con brio

Nur drei Jahre nach der Eröffnung des regelmäßigen Theaterbetriebs auf Schloss Eszterháza, der dem Kapellmeister Haydn so viel an Erfahrung im Bereich der Opernproduktion bescheren sollte, am 18. November 1779 genau genommen, kam es zu einem, das Musikleben am esterházyschen Hof betreffenden, einschneidenden Ereignis: Durch die Befeuerung zweier mehr zur Zierde als zum Gebrauch gedachter chinesische Kamine war vom Redoutensaal des Schlosses ausgehend ein Brand entstanden, in dessen Folge beträchtliche Teile der Bibliothek, v.a. aber das Opernhaus mitsamt der »prächtige[n] Theaterkleidung, allen Musikalien, an welchen lange und mit vielen Kosten gesammelt wurde; die musikalischen Instrumente, worunter der schöne Flügel des berühmten Kapellmeisters Haiden und die Konzertvioline des Virtuosen Luigi […] ein Raub der Flammen […] geworden« – so der Bericht der Pressburger Zeitung vom 24. November.

Nun waren Theaterbrände in damaliger Zeit ja keine Seltenheit und somit der Verlust – zumindest vonseiten des Fürsten – wohl als ein primär finanzieller empfunden, zumal er es gewöhnt war, von seinem Hausoffizier und dessen Musikern stets etwas neu Geschaffenes präsentiert zu bekommen. So scheint dies dann auch der Fall gewesen zu sein, als Nikolaus I. genau einen Monat nach der verheerenden Feuersbrunst – man feierte die Grundsteinlegung zum neuen Opernhaus und außerdem noch seinen 65. Geburtstag – eine prachtvolle Sinfonie in D zu Gehör bekam, ein zwischen galantem und gelehrtem Stil angesiedeltes Werk von ausgesprochener gedanklicher Tiefe, für deren Abschluss sich Haydn – wie hätte man es auch anders erwarten können – noch einen wohl platzierten Scherz aufbehalten hatte. Dass der Kompositionsprozess an Hob. I:70 den Erkenntnissen der jüngeren Haydnforschung zufolge noch größtenteils auf die Zeit vor dem 18. November 1779 zu datieren ist, mag u.a. auch damit zusammenhängen, dass die erwähnte Geburtstagsfeier wohl bereits seit längerer Zeit geplant gewesen war.

Im feurigen Dreiertakt eröffnet ein Vivace con brio die Festmusik, wobei sich das vorherrschende Motiv als ein bloßer, wenngleich überraschend abtaktig geführter Quartsprung erweist. Aus diesem entwickelt Haydn das gesamte Material des monothematisch angelegten Satzbildes, wobei er es geschickt versteht mit reizvollen dynamischen Kontrasten und kleinen kontrapunktischen Finessen musikalische Spannung zu erzeugen. Aus selbigem erwächst dann im folgenden zweiten und abschließenden vierten Satz manch polyphones Kunstwerk, das präsentieren zu können den Komponisten sicher einst mit Stolz erfüllte.

Der sich zwischen »galant« und »gelehrt«, zwischen Dur und Moll bewegende Bauplan der Komposition spiegelt sich in kleinerem Maßstab aber auch in den anschließenden Andante-Variationen wieder, deren ernsthafter d-Moll-»Hauptsatz« in einen rondoartigen Dialog mit einem sanft-lyrischen D-Dur-»Seitensatz« tritt, wobei die herbe Schönheit des Beginns, die sich aus dem Klang der gedämpften Violinen und staccatoweise fortschreitenden Sechzehntelpunktierungen nährt – und nach allen Regeln der Satzkunst den canto fermo der Bassstimme gegen einen contrapunto der Violinen und Bratschen führt – beim Hinzutreten der Flöte in der Oberoktave eine beinahe unheimliche Stimmung annimmt. Das spielerische Dur-Thema scheint dagegen aus einer ganz anderen Welt zu stammen, die schlussendlich aber nicht mehr zum Zug kommt, nachdem sich sein Gegenüber mit chromatisch verdichteter Melodieführung und gehauchten Tuttiakkorden verabschiedet hat.

Nach so viel formaler Gelehrsamkeit, »vielleicht aber« – so Walter Lessing – »auch als Entspannung vor der par force-Tour des Finales« lässt Haydn »ein betont festliches, resolutes Menuett« folgen, welches auf originelle Weise mit dem auf einen Zwiegesang zwischen Oboen und Streichern reduzierten Trio kontrastiert und von einer überraschenden Coda samt Bläsersextett-Einlage gekrönt wird. Mit einem »Hauch von Theater« – vor dem inneren Auge von Haydnforscher Robbins Landon trippelt ein Harlekin auf die Bühne, um leise den herabgelassenen Vorhang beiseite zu ziehen – öffnet eine Fuga »a 3 soggetti in contrapunto doppio« ihre Pforten, um dem »anspruchsvollen Kenner«, für den sie geschrieben wurde, sich als ein Kunstwerk von großer Schaffenskraft zu präsentieren. Da Haydn aber auch um den Humor seines Fürsten wusste, lässt er zu guter Letzt dann noch einmal den bunt geflickten Spaßmacher auftreten, um mit einer lautstarken Geste den Vorhang wieder zu schließen.