Franz Joseph Haydn (1732–1809)
SINFONIE NR. 60 C-DUR «IL DISTRATTO» HOB. I:60 (1774)

von Christian Moritz-Bauer

Adagio – Presto / Andante / Menuetto non troppo Presto – Trio / Presto / Adagio – Allegro / Finale. Prestissimo

Die Stadt Pressburg – einst Haupt- und Krönungsstadt des habsburgischen Oberungarns – bildete im späten 18. Jahrhundert ein musikalisches Zentrum von internationalem Rang. Nicht weniger als vier ständige Orchester wirkten hier mehr oder minder unabhängig nebeneinander. Zudem wurde der kulturelle Reichtum nicht als ein Privileg des Adels verstanden: Spielorte, wie die Sommerkonzerte des Grafen Batthyáni oder das Hoftheater des Grafen Erdödy, boten aufgrund ihrer breiten Öffentlichkeit ein ideales Podium, das nicht nur ortsansässige Komponisten wie Anton Zimmermann, Johannes Matthias Sperger und Georg Druschetzky für sich zu nutzen wussten. Dittersdorf, Vanhal, Mozart und Salieri, später sogar Beethoven – eine ganze Reihe von Künstlern europäischen Rangs traten hier auf, dazu die Größen des damaligen Theaterlebens: Mingotti, Zamperini, Wahr, Schikaneder u.v.m. Die Berichterstattung dieser Ereignisse war Sache der Pressburger Zeitung. Das zweimal wöchentlich im Verlagshaus des Johann Michael Landerer erscheinende Blatt, dessen Leserkreis weit über den lokalen Rahmen hinausreichte, brachte aber auch Nachrichten aus dem In- und Ausland, wie etwa folgender Beitrag eines Korrespondenten vom 6. Juli 1774:

Eszterház, vom 30. Junius. Heute werden hier hohe fremde Herrschaften erwartet. Der modenesische Herr Abgesandte nebst einem der vornehmsten Herrn Italiens. Sie werden sich zween Tage aufhalten, und alles hier sehenswürdige in Augenschein nehmen. Obgleich Se. fürstl. Durchlaucht abwesend sind, so werden dennoch zur Unterhaltung dieser hohen Fremden die vergnügendsten Anstalten gemacht. Heute Abend ist deutsche Komödie, und wird vorgestellt: Der Triumph der Freundschaft. Dann ist Nachtmusik und Tafel. Morgen wird das prächtige Schloss nebst dem Garten, der große neue Redoutensaal, das neue Marionettentheater in Augenschein genommen. Auf dem Abend ist italiänische Opera L’infidelta delusa. Die Musik ist von dem Herrn Kapellmeister Joseph Hayden. Dieser vortrefliche Thondichter hat auch kürzlich für die Schaubühne des Herrn Wahr zum Lustspiele der Zerstreute eigene Musik komponirt, welche von Kennern für ein Meisterwerk gehalten wird. Man bemerket in derselben in einer musikalisch-komischen Laune den Geist, welcher alle Heydnischen Arbeiten belebt. Er wechselt Kennern zur Bewunderung, und den Zuhörern gerade zu zum Vergnügen meisterhaft ab, verfällt aus der affektuösesten Schwulst ins niedrige, so dass H[aydn] und Regnard eifern, wer am launischsten zerstreut.

Die Besuche Joseph Haydns in Pressburg – sie ereigneten sich vornehmlich in den 1770er Jahren und waren zumeist geschäftlicher, teils aber auch privater Natur – brachten eine Reihe gefeierter Musikaufführungen mit sich, wie beispielsweise am 22. November 1774, als dann auch hier Der Zerstreute, ein aus „dem Französischen des Herrn Regnard frey nachgeahmt[es] Lustspiel“ mit der Musik des esterházyschen Kapellmeisters präsentiert wurde. Und wieder berichtete die Pressburger Zeitung:

Dienstags als am Cäcilientage wurde der Zerstreute gespielet. Herr von Hayden verfertigte «eine sonderbare Musik dazu, welche unsern Lesern schon aus den vorigen Blättern unter den Artikeln Eszterház vorläufig bekannt gemacht worden ist. Hier wird nur so viel erinnert, dass es vortrefflich, ganz vortrefflich ist, und dass das Finale auf unablässliches Händeklatschen der Zuhörer wiederholet werden mußte. In demselben ist die Anspielung auf den Zerstreuten, welcher am Hochzeitstage vergessen hatte, dass er der Bräutigam sey, und sich daher im Schnupftuche einen Knoten machen musste, überaus wohlgerathen. Die Musicierenden fangen das Stück ganz pompos an und erinnern sich erst in einer Weile, dass ihre Instrumenten nicht gestimmt wären.

Bei der Musik, die Haydn einst dem Spiel der des Sommers auf Schloss Eszterháza, des Winters hingegen in Pressburg gastierenden Theatergesellschaft Carl Wahrs hinzufügen sollte, handelt es sich um eine Ouvertüre, vier Entr'actes und einen Finalsatz zum Abschluss der Darbietung. Knapp zwanzig Jahre später sah sich der Komponist dann abermals mit seinem Werk konfrontiert. Ein unerwartetes Ansuchen ließ ihn folgende Zeilen an Joseph Elssler jun., Oboist zu Eisenstadt und Bruder seines Kopisten und Faktotum Johann Elssler, richten:

Wien den 5. Juny 1803.
Liebster Elsler!
Sey er so gütig, mir bey allererster gelegenheit die alte Sinfonie (genannt DIE ZERSTREUTE) herauf zu schicken, indem Ihro Majestät die Kayserin den alten Schmarn zu hören ein verlangen trägt, ersuche ich demnach den Hrn Messner mir dieselbe auf etwelche tage zu leihen, ich werde daran nichts verletzen. […]
mein Compl[iment].
Jos. Haydn mpria

Tatsächlich findet sich in den Esterházy-Archiven der ungarischen Nationalbibliothek eine »Sinfonia in C. […] per la commedia intitolata Il Distratto« in der Handschrift Elsslers, die Anthony van Hoboken später als die Nr. 60 unter den Sinfonien Haydns einreihen sollte.
Immer wieder ist es zu Diskussionen über den programmatischen Gehalt der „Zerstreuten“ gekommen und keiner weiß, ob sie im Sinne des Komponisten geführt wurden. So seien denn mit den Worten Robert A. Greens, hier nur ein paar der wichtigsten Handlungsstränge der zugrundeliegenden Komödie wiedergegeben:

Die meisten Charaktere […] haben mit der Commedia dell’arte zu tun und waren für Haydn und das zeitgenössische Publikum als Typen sofort erfassbar: Clarice und Isabelle sind zwei wohlerzogene junge Damen. Der Chevalier, der Bruder von Clarice, ist der typische adlige Soldat, der zecht, Jagd auf Frauen macht und in den Künsten der Galanterie wohl bewandert ist. Mme Grognac ist die autoritäre Mutter auf der Suche nach einem reichen Mann für Isabelle, ohne Rücksicht auf die Wünsche ihrer Tochter. Der Geiz von Mme. Grognac wird gründlich ausgenutzt […]. Lisette und Johann sind die Diener, die ihre Stärken einsetzen, um die Schwächen ihrer Herrschaften auszugleichen […].

Für den zerstreuten Leander, der Isabelle heiraten soll, jedoch Clarice liebt, greift Jean-François Regnard als Autor der französischen Vorlage auf eine Personendarstellung zurück, die Jean de La Bruyère für die Zweitauflage seiner 1688 erschienenen Caractères de Théophraste, traduits du grec, avec les caractères ou les mœurs de ce siècle ersann:

Menalque steigt seine Treppe hinab, öffnet die Tür, um auszugehen und schließt sie wieder hinter sich zu: Da wird er gewahr, dass er die Nachtmütze noch auf hat, und indem er sich genauer besichtigt, findet er, dass er nur halb rasiert ist; er sieht, dass er seinen Degen an die rechte Seite geschnallt hat, dass seine Strümpfe ihm über über die Fersen herabhängen, und sein Hemd über die Unterkleider hinausreicht […] Ein andermal macht er einer Dame seinen Besuch, und da er sich bald überredet, dass er es ist, welcher sie empfängt, so lässt er sich in ihrem Fauteuil nieder und denkt ganz und gar nicht daran, ihn zu verlassen. Er findet allmählich, dass die Dame ihre Besuche sehr in die Länge zieht, und erwartet jeden Augenblick, dass sie sich erheben und ihn von sich befreien werde, aber da der Besuch gar kein Ende nehmen will, da ihn Hunger anwandelt und die Nacht schon vorgerückt ist, so ladet er sie zum Abendessen ein. Sie lacht, und zwar so laut, dass er dadurch aus seiner Zerstreutheit erwacht. – Derselbe wird am Morgen getraut, vergisst es aber am Abende und schläft in der Hochzeitsnacht außer seinem Hause. [...]

Ob Haydn nun Satz für Satz die Stimmung der nachfolgenden oder vielmehr der vorausgehenden Akte, die darin vorkommenden Personen oder nur ein paar jener amüsanten Vorkommnisse auf der Bühne beschreibt – dies zu erörtern würde den Rahmen der vorliegenden Programmnotizen zweifellos sprengen. Ein kleiner Versuch in selbige Richtung scheint aber durchaus der Mühe wert:
Sicherlich dienten die kraftvollen Akkorde zu Beginn der Adagio-Einleitung dazu, das Publikum zur Ruhe zu ermahnen. Auch gefällt der Gedanke, dass jene Passage im anfänglichen Presto, in der sich die Streicher in Viertel- und Achtelrepetitionen verlieren (Vortragsanweisung »perdendosi«), eine Art von Gedankenlosigkeit zum Ausdruck bringt. Die thematischen Gegensätze im Andante lassen ebenfalls gewisse Personen bzw. deren Charakterzüge assoziieren: Eine Fanfare bricht in das grazile Hauptthema ein, noch bevor dieses zu Ende geführt werden kann (der Chevalier steigt der jungen Isabelle nach?). Das zweite Thema folgt – vergleichsweise schwerfällig – in Oktavparallelen geführt (die wachsame Mutter?). Schließlich die Durchführung mit ihrem Übermaß an Sforzati und Trillern: die Parodie eines französischen Tanzes, welche wiederum das Benehmen des Chevaliers aufs Korn zu nehmen scheint. Der Auftritt des Leander im 2. Akt mag mit dem Trio des Menuetts gleichzusetzen sein, aus dem ein desorientiert wirkender Achtelgang der Oboen und ersten Geigen hervorsticht.
Der 3. Akt mit seiner Vielzahl von Intrigen und Verkleidungen klingt in einem rauschenden Presto nach, in dessen weiterem Verlauf auch ungarische Tanzmelodien und -rhythmen zum Zuge kommen. Der fünfte Satz der Sinfonie, der nach einem im niederösterreichischen Stift Melk aufbewahrten Stimmensatz den Beinamen »di Lamentatione« trägt, mag einerseits das Ringen Leanders um die Kontrolle seiner selbst sowie der von ihm unfreiwillig verursachten Liebeswirren (4. Akt) darstellen. Andererseits könnte hierbei auch die List des Dieners Johann angedeutet werden, der bei Mme Grognac hereinplatzt, um ihr von der angeblichen Enterbung Leanders zu berichten, damit sie ihr Interesse an dem potenziellen Schwiegersohn verliert und dieser seine Clarice bekommt. Womit wir im 5. und letzten Akt angekommen wären: Alles scheint sich in Wohlgefallen aufzulösen, wenn nicht der gute Leander am Ende beinahe seinen Hochzeitstag vergessen hätte, genau wie die Geigen im Orchester, die nach sechzehn Takten Prestissimo noch eilends ihre Instrumente nachstimmen.