Franz Joseph Haydn (1732–1809)
SINFONIE NR. 12 E-DUR HOB. I:12 (1763)

von Christian Moritz-Bauer

Allegro / Adagio / Finale. Presto

Obwohl das älteste Musikstück des vierten Projekts von Haydn2032 auf den ersten Blick nur eine einfache dreiteilige Sinfonie darstellt, so birgt es doch möglicherweise eine »zweite Natur« in sich. Auf selbige Fährte wurde ihr Entdecker, der österreichische Dirigent und Pianist Manfred Huss, einst durch seine Beschäftigung mit Haydns »allerErste[r] opera« gelockt.

Die Rede ist – Kenner werden es bereits wissen – von der Festa teatrale Acide, welche zur Hochzeit von Anton Graf Esterházy mit Maria Theresia Erdődy am 11. Januar 1763 in Eisenstadt ihre umfeierte Uraufführung erlebte. An zwei Stellen der Handlung dieses leider nur fragmentarisch erhaltenen Einakters wird eine Sinfonia – also ein instrumentales Zwischenspiel gefordert – zunächst um das »Wehklagen der Nereiden« über den Tod des durch den Zyklopen Polifemo erschlagenen Acide auszudrücken, sowie dann die unerwartete Wendung zum Guten anzukündigen, derzufolge das Blut des Nymphensohnes in quellendes Wasser und er selbst in einen Flussgott verwandelt wird, um seiner geliebten Galatea fortan stets nahe sein zu können.

Einen Anlass zur Wandlung der Intermezzi aus Acide in Teile der autograph überlieferten E-Dur-Sinfonie Hob. I:12, mag jedenfalls das am 19. Februar 1763 im Wiener Palais Esterházy veranstaltete Diner mit anschließendem »grand Concert« geliefert haben, von dem die berühmten Tagebücher des Karl Johann Christian Graf von Zinzendorf berichten. Dabei dürfte es dem Hörgenuss durchaus zuträglich gewesen sein, dass die Sinfonie erst nach der Speisung zum Erklingen kam, beginnt doch das eröffnende Allegro ungewöhnlich leise und mit einer unisono geführten, wiegenden Streichermelodie. Selbige Grundstimmung, die alsbald in ein kräftiges Tutti umschwenken wird, scheint durchaus den Blick auf eine frohe, vom wärmenden Feuer der Liebe erhellte Zukunft zu eröffnen, wie dies der theatererfahrene Georg Joseph Vogler in seiner Tonartencharakteristik von 1779 bestätigt.

Dass wir – so James Webster – mit dem folgenden Adagio in eine »opernhafte Welt voller Unisonoausbrüche, Dissonanzen, chromatischer Klänge und trügerischer Kadenzen« versetzt werden, erscheint in der Tat »eigentümlich« und seine Vermutung, der zwischen zärtlich klagendem e- und düster gestimmtem h-Moll changierende Satz würde »außermusikalische Assoziationen transportieren« nach entsprechendem Vorwissen auch durchaus nachvollziehbar. Mit einem Presto, das ohne weiteres eine theatralische Schlussmusik hätte abgeben können, schließt Carl Ferdinand Pohl, dem großen Haydn-Biographen des 19. Jahrhunderts zufolge, »eine kleine, aber in guter Stunde geschriebene Sinfonie.«