Franz Joseph Haydn (1732–1809)
SINFONIE NR. 19 D-DUR HOB. I:19 (ca. 1760/61)


Allegro molto / Andante / Finale. Presto

«Eines Tages begab sich der alte Fürst Antonio Esterházy in das Haus des Grafen [Mortzin], um dort Musik zu hören. Er war ein leidenschaftlicher Musikfreund, der ein großes und erlesenes Orchester zu seinen Diensten hatte, das von Maestro Werner dirigiert wurde. Nachdem der Fürst eine Symphonie von Haydn gehört hatte – es war jene in D-Dur und im Dreivierteltakt –, fand er Gefallen an der Art dieses Komponisten und drängte den Grafen, ihn ihm zu überlassen. Jener, der zuvor aus wirtschaftlichen Gründen schon daran gedacht hatte sein Orchester zu entlassen, zeigte sich dem Wunsch des Fürsten gerne gefällig.»

Was hier Giuseppe Carpani als einer der ersten Biographen Joseph Haydns so erzählfreudig berichtet, scheint – trotz kleinerer historischer Ungenauigkeiten – ein durchaus vorstellbares Szenario aus unseres Komponisten künstlerischem Werdegang wiederzugeben: den möglicherweise entscheidenden Moment des ersten Höreindrucks nämlich, der das einstige Oberhaupt der ungarischen Fürstenfamilie Esterházy dazu bewogen hatte, den knapp dreißigjährigen Kapellmeister aus seinem damaligen, sich zwischen Unter-Lukawitz bei Pilsen und der Habsburgermetropole Wien abspielenden Arbeitsverhältnis abzuwerben.
Dass der hinsichtlich seines Wahrheitsgehalts doch oft in Zweifel gezogene Carpani-Text hier einmal nachweislich nahe der Wirklichkeit liegt, das bezeugen die chronologischen Studien der Haydnforscherin Sonja Gerlach, denen zufolge die Nr. 19 nach der traditionellen Zählung der Haydn-Sinfonien durch Eusebius Mandyszewski nicht nur stilistisch gesehen ein Übergangswerk zwischen den frühen Morzin- und den darauf folgenden ersten Esterházy-Sinfonien darstellt, sondern zugleich als einzig in D-Dur gesetztes Werk aus einer Gruppe dreier Sinfonien mit anfänglichem Dreivierteltakt herausragt, die nach stilistischen Aspekten in die Zeit um Haydns ersten Dienstwechsel, d.h. um die Wende von 1760 auf 61 zu datieren wäre.
Als einer der großen Vorzüge von Hob. I:19, das in puncto Instrumentierung und formaler Anlage nicht gerade auffällig erscheint, wird gerne die «kompositorische Geschlossenheit» des erstpositionierten Allegro hervorgehoben, was meint, dass dessen Aufbau, welchen die Formenlehre des 19. und 20. Jahrhunderts mit Begriffen wie Exposition, Durchführung und Reprise belegt, nicht nur als eine bloße Aneinanderreihung «Motiv» genannter musikalischer Kleinteile, sondern – aufgrund eines komplexen Systems gegenseitiger Bezüge unter denselben – weit treffender als ein durch Kadenzpunkte in periodische Abschnitte unterteilter Gesamtverlauf beschrieben werden möchte. Bei aller ihr innewohnenden Kompositionswissenschaft weiß der Kopfsatz der D-Dur-Sinfonie aber auch mit einigen markanten «Hinhorchern» aufzuwarten, wie etwa jene wilden Tremolopassagen, die von plötzlichen Tutti-Effekten begleitet werden und das harmonische Geschehen sogar vorübergehend einmal nach h-Moll abdunkeln.
In mehrerer Hinsicht erstaunlich zeigt sich aber auch das darauffolgende Andante, das trotz aller Kürze mit einer besonderen rhythmischen Vielfalt aufzuwarten hat. Da wäre z.B. die permanent auftaktige Gestaltung des Melodieverlaufs, der mit ihrer im Staccato geführten Achtelbewegung einen fast schon marschartigen Charakter erhält oder die direkt daran anschließende für den späteren Haydn geradezu charakteristisch erscheinende Synkopenpassage, in der sich die zweite Violine – im Sechzehntelabstand dem Streicherbass folgend – auf einmal als stimmführend erweist. Nachhaltigen Eindruck vermag aber auch die tongeschlechtliche Prägung des Mittelsatzes zu hinterlassen, der sich die längste Zeit in d-Moll bewegt, jedoch vor zeitweisen Ausflügen nach g-Moll, sowie auch nach F- und A-Dur nicht Halt macht.
Mit einem tänzerischen 3/8-Takt – zu jener Zeit, etwa im Werk eines Georg Christoph Wagenseil vielfach anzutreffen – beschließt ein Presto-Finale mit einprägsamen Jagd- und ostinatoartig von den tieferen Streichern hinfort getragenen Galoppmotiven das thematische Geschehen. Ob dahinter eine Referenz des Komponisten an ein gewisses, auch in der Familie Esterhazy sehr beliebtes «fürstliches Vergnügen» stand? Als ausgesprochen wirkungsvoll erweist sich auch hier eine markante Tremolopassage, die aufgrund ihrer über mehrere Takte hinweg reichenden, von Sext-, Oktav- und sogar Dezimsprüngen bestimmten, abwärts sequenzierten Einleitung gleich einer Vorbotin auf ein gewisses «Sturm und Drang»-Idiom wirkt, welches das Vokabular des Tonschöpfers Haydn in weniger Jahre Zukunft so nachhaltig prägen sollte.

1 Zit. nach Giuseppe Carpani: Haydn. Sein Leben. Aus dem Italienischen und mit einem Vorwort von Johanna Fürstauer, St. Pölten & Salzburg 2009, S. 98.

2 Vgl. Sonja Gerlach, Joseph Haydns Sinfonien bis 1774. Studien zur Chronologie, in: Haydn-Studien 7/1-2 (1996), S. 1-288, insbes. S. 71-75.