Franz Joseph Haydn (1732–1809)
SINFONIE NR. 67 F-DUR HOB. I:67 (1775/1776)


= Musik zur Komödie «Die Jagdlust Heinrich des Vierten» (Eszterháza, Juni/Juli 1772?)
[Impresario: Carl Wahr]

Presto / Adagio / Menuet – Trio / Finale. Allegro di molto – Adagio e cantabile – Allegro di molto

Einen Höhepunkt des ,spartenübergreifendenʻ Zusammenwirkens der von auswärts engagierten Gesellschaften mit der von Nikolaus I. Esterházy installierten Hofmusik unter Joseph Haydn, scheinen die Jahre ab 1772 gebildet zu haben, in denen sich Carl Wahr (1745-1811) für das sommerliche Theaterprogramm verantwortlich zeichnete.1 In eben jene Zeit fällt nicht nur die Entstehung und frühe Aufführungsgeschichte der Musik zu Der Zerstreute (eigentlich: Le distrait), einer ins Deutsche übersetzten Komödie von Jean-François Regnard (1697), die bereits im Mittelpunkt eines Haydn2032-Projekts (No. 4 IL DISTRATTO) stand, sondern – und das bereits innerhalb der ersten Monate nach Spielbeginn der Wahr'schen Truppe – auch ein Festereignis aus Anlass des Besuchs des französischen Botschafters Louis René Edouard de Rohan-Guéméné, über das György Bessenyei, zugleich Grenadier und auf Ungarisch dichtender Hofchronist mit folgenden Zeilen begann:

„Also kommt Prinz Rohan in das Schlossgebäude, in ein großes Zimmer führt ihn sein Geleite.
Eine Schauspielbühne war hierorts errichtet, wo auf zartes Fühlen ward das Herz gerichtet.
Heinrich den Vierten zeigte man, beim Jagen, den Franzosenkönig, Rohan zum Behagen.“


Diese Verse belegen, dass es sich bei dem Stück, welches von Carl Wahr und seinem zwölfköpfigen Ensemble – darunter Sophie Körner, seine ständige Bühnenpartnerin – ausnahmsweise nicht im separaten Theatergebäude, sondern in der Sala Terrena oder in dem im ersten Obergeschoß befindlichen Prunksaal gegeben wurde, um „Die Jagdlust Heinrich des Vierten“, die von Christian Friedrich Schwan gefertigte Übersetzung von La Partie de Chasse de Henri IV, eine Charakter- und Sittenkomödie des Franzosen Charles Collé handelte. Sie erzählt von einem Monarchen und einer Nation, die einen der gewaltsamsten religiösen wie machtpolitischen Konflikte der Geschichte Mitteleuropas – die Hugenottenkriege – soeben erst hinter sich gelassen hatten:

Heinrich IV., König von Frankreich, ist der Intrigen, die sich am Hof von Fontainebleau um seinen Minister, den Herzog von Sully gesponnen haben, müde geworden und fordert Freund wie Feind auf, sich zur gegenseitigen Aussöhnung an einer Hirschjagd zu beteiligen. Durch die Schlauheit des Wildes, den Aufzug eines Unwetters und den Einbruch der Dunkelheit verirrt und verliert sich die Jagdgesellschaft untereinander, wird von den Bewohnern des nahegelegenen Dorfes Lieursains erspäht und gerettet. Heinrich gerät in die Obhut des Müllers Michau, dem und dessen Familie gegenüber er seine Identität verbirgt, um sich von ihrer Königstreue zu überzeugen aber auch um wieder einmal seines zur Großherzigkeit wie Libertinage neigenden Wesens nachgehen zu können. Als er von der Entführung Agathens, der Verlobten des Müllersohns Richard durch den Marquis von Conchiny und zugleich ärgsten Widersacher des Herzogs von Sully erfährt, bestraft er diesen und beschließt darauf die für den morgigen Tag befohlene Doppelhochzeit von Agathe und Richard sowie dessen Schwester Catau und Lucas, einem armen jungen Bauern, mit einer Gabe von jeweils 10.000 Gulden zu bereichern und überdies beiden Paaren als Trauzeuge beizustehen.

Besagter Festaufführung im Spätsommer 1772 sollten freilich weitere Vorstellungen der Jagdlust folgen, von denen allein in Press- und Salzburg, wo die Wahr'sche Gesellschaft in den Jahren 1773/74, 1774/75 und 1775/76 in Winterquartier aufschlugen, je eine pro Spielzeit gegeben wurde. Zudem dürfte das Erfolgsstück wenigstens einmal zwischen Mai und Oktober der Jahre 1773 – 1776 aufgeführt worden sein. (Im Sommer 1777 wurde das Engagement Carl Wahrs und seiner Theatertruppe vorzeitig beendet, nachdem diese durch ein nicht näher bekanntes schwerwiegendes Vergehen zweier Mitglieder bei Fürst Nikolaus I. Esterházy in Ungnade gefallen war ...)

Über die Musik zu den genannten Darbietungen schweigen sie, die Berichterstatter der Preßburger Zeitung wie auch des Theaterwochenblatts für Salzburg. Und doch lassen sich zwischen einer vom Autor dieser Werkeinführung unter den Haydn'schen Sinfonien der 1770er Jahre wiederentdeckten, mehrsätzigen Schauspielmusik und der Collé'schen Komödie Bezüge erkennen – Bezüge mannigfaltiger Natur, welche vonseiten der TheaterbesucherInnen wahrgenommen, entschlüsselt und mittels der Imagination eines/r jeden in neue, die Bühnenhandlung interpretierende, vorwegnehmende oder gar weitererzählende Inhalte übersetzt werden wollen.
Dass dieser Prozess den Zeitgenossen Haydns freilich um einiges leichter gefallen sein dürfte, als einem, (sei es auch noch so gebildeten) Publikum unserer Tage, hängt nicht zuletzt mit der jeweiligen Hörerfahrung zusammen, die sich im Laufe der Geschichte durch sozio-kulturelle wie technische Entwicklungen in einer Weise verändert hat, dass wir manch „Zeichen der Vergangenheit“ erst wieder erlernen bzw. neu vermitteln müssen, um die Musik von einst und ihr Vermögen Außermusikalisches zu kommunizieren zu verstehen bzw. erfahrbar zu gestalten.

Aus jener gedanklichen Position vermag das eröffnende Presto, welches bislang „nur“ als Kopfsatz der um 1775/76 datierten Sinfonie Nr. 67 in F-Dur galt, durch seinen wiedergefunden theatralischen Kontext als eine das gesamte folgende Bühnengeschehen überblickende Ouvertüre erscheinen. Nehmen wir etwa das eigentümlicherweise im Pianissimo der Primgeigen eingeführte Jagdmotiv, welches eine wohl ganz bewusst verfremdete Abwandlung des Flügelhorn-Signals „Retraite de Soir“ (zu dt.: „Zapfenstreich“) darstellt und auf den späteren Höhepunkt der Handlung, die Bewirtung des vergeblich um sein Nichterkanntwerden bemühten Königs durch die Familie des Müllers Michau abzielen dürfte, oder den vorübergehende Trübung der stürmischen Aufbruchstimmung durch eine von tragischen Untertönen geprägte Mollpassage. Auch der abendliche, vom Bordun der vereinten Hörner unterlegte Gesang der ,einfachen Leuteʻ gibt zu Beginn der zweiten Satzhälfte schon eine Kostprobe von sich.

Im Adagio – welches der Musik zum zweiten Akt entspräche – liefern sich kurze rhythmisch prägnante Motive, die (zusammen erfasst) ein von Achtel- und Sechszehntelpausen durchsetztes melodisches Geflecht ergeben, ein imaginäres Such- und Verfolgungsspiel, wie es die Protagonisten des Theaterstücks mehr oder weniger freiwillig mitmachen, nachdem sich die königliche Jagdgesellschaft im Walde verirrt hat und nun bei stetig zunehmender Finsternis versucht, sich im immer dichter erscheinenden Unterholz gegenseitig wiederzufinden. Wie klingt das in der Musik? Es raschelt und knackt, eben so wie wenn gedämpfte Darmsaiten mit dem Holz der Streichbögen traktiert werden – und das natürlich staccato und im Pianissimo! Der König, der statt der befürchteten Wilderer vom rechtschaffenen Dorfmüller aufgestöbert und sich in dessen guter Stube – natürlich vollkommen inkognito – von (Apfel)wein, (des Müllers) Weib (und Tochter) und natürlich Gesang verwöhnen lässt – dies köstliche Schauspiel von zwei aufeinanderprallenden Welten, welches nicht weniger als zwölf von insgesamt vierzehn Szenen des dritten und letzten Aufzugs der Collé'schen Komödie für sich beansprucht, findet im Menuett-Satz sein kompositorisches Pendant. Die hier verwendeten Zutaten lauten: Eine Solistin aus den Reihen der zweiten Geigen, die vor Beginn ihre g-Saite nach f verstimmt, ein achtaktiger gefolgt von einem sechs- plus achtaktigtem Wiederholungsteil, wie er höfischer nicht klingen könnte sowie ein „Trio“ aus zwei Soloviolinen, die erste eine volkstümliche Melodie auf einer Saite mit gehörig viel Schleiftönen vortragend, die andere dazu einen zweistimmigen Brummbaß ausführend.

Dass die scheinbar plötzliche Wiedererkennung ihres „guten Königs“ in Wahrheit einem geschickt gehegten Plan der Müllersfamilie folgte, nämlich die zukünftige Schwiegertochter Agathe aus den Fängen des bösen Hofschranzen Conchiny zu befreien wird erst ganz zum Schluss offenbar. Dies, (wie mancherlei mehr) lässt vermuten, dass die Musik des abschließenden Allegro di molto von den in den letzten Zeilen des Dramentextes angekündigten Hochzeitsfeierlichkeiten berichtet. Und weil es um eine Doppelhochzeit geht, nämlich diejenige der sich zuvor selbst befreiten Agathe mit ihrem Müllerssohn Richard und dessen schlaue Schwester Catau mit ihrem armen Jungbauern Lucas und Heinrich IV. sich zu der beiden Paare Trauzeuge und finanziellem Wohltäter erklärt, gibt es noch einen eingeschobenen Adagio e cantabile-Mittelteil mit solistisch geführten Abschnitten für zwei Violinen und Cello bzw. zwei Oboen und Fagott sowie obendrein drei „Hochrufe“ des Orchestertuttis.

Als Haydn den Beginn des Oboen und Fagott-Trios nur wenige Monate nach der (noch als hypothetisch zu bezeichnenden) Erstaufführung seiner Jagdlust-Musik im Kyrie der Missa Sancti Nicolai Hob. XXII:6, komponiert zum Namenstag des Fürsten Esterházy am 6. Dezember 1772 wieder verwenden sollte, durfte dies als Akt einer besonderen Ehrerbietung verstanden werden: Ein musikalischer Vergleich von Nikolaus I. Esterházy von Galántha mit Heinrich IV., König von Frankreich und Navarra, dem Großvater des Sonnenkönigs Ludwig XIV.

1 Vgl. James Webster, Hob.I:67 Symphonie in F-Dur: http://www.haydn107.com/index.php?id=2&sym=67&lng=1 (Abruf: 10. September 2017).