Franz Joseph Haydn (1732–1809)
SINFONIE NR. 65 F-DUR HOB. I:65» (1769)


[Impresari: Joseph Hellmann & Friedrich Koberwein]

Vivace con spirito / Andante / Menuet – Trio / Finale. Presto

Die erste Schauspielgesellschaft, die Fürst Nikolaus nach Eszterháza verpflichtete bzw. verpflichten wollte, war diejenige des Simon Friedrich Koberwein, Sohn eines Wiener Weinhändlers, der seine Theaterlaufbahn 1753 in Linz (unter Anton Jakob Brenner) begonnen, sich in den frühen 1760er Jahren mit seinem Schwager Johann Joseph Felix von Kurz (genannt Bernardon) assoziiert und 1763 in München die Truppe von Franz Gerwald Wallerotti übernommen hatte. Um 1766 erwuchs ihm ein gewisser Franz Joseph Hellmann zum Kompagnon, mit dem zusammen er bereits in Brünn, Pressburg und einige Monate am „hochfürstlich esterházyschen Theater“ gespielt hatte, als es am 31. Juli 1769 daselbst zum Abschluss eines Dreijahresvertrags gekommen war, der mit 1. Mai 1770 in Kraft treten sollte. Warum diese Vereinbarung, die u. a. festlegte, dass das Ensemble „mit wenigstens vierzehn convenablen gut erfahrene agirenden Persohnen alltaglich zur Ihnen bestimmenden Stund eine Comedie aufzuführen und die erforderlichen Kleyder, wie auch Comedien selbsten anzuschaffen“ habe, bereits nach wenigen Monaten wieder aufgelöst wurde, d. h. dass die beiden Prinzipale noch im Oktober des Jahres 1769 die Aufforderung erhielten, den Vertrag und die erlangte Spielerlaubnis an die fürstliche Kanzlei zurückzusenden, dürfte an der Intrige der Catharina Rößl gelegen haben, die kurze Zeit zuvor die Hellmann-Koberweinsche Compagnie verlassen hatte und gemeinsam mit ihrem Mann zur Gesellschaft des Franz Passer gewechselt war – eine durchaus pikante Angelegenheit, wenn man bedenkt dass der „Rößlin“ eine Affäre mit dem esterházyschen Kanzleidirektor Kleinrath nachgesagt wurde. Wie dem auch sei: Das vorausgegangene erfolgreiche Spiel wie alle protestierenden Schriften von Hellmann und Koberwein waren vergebens: Im Frühjahr 1770 nahm die Passer'sche Truppe den Theaterbetrieb auf Schloss Eszterháza auf.

Von künstlerischer Warte aus betrachtet hatten Hellmann und Koberwein – wie bereits vor ihrer Ankunft auf Eszterháza aus Pressburg berichtet wurde – den Schritt vom Burleskentheater eines Kurz-Bernadon hin zum aufklärerisch ausgerichteten Schauspiel vollzogen und sich mit Aufführungen von Miß Sara Sampson (1768) und Minna von Barnhelm (1770) um den Erfolg Lessing'scher Dramen im theresianischen Theaterwesen verdient gemacht. Da des letzteren Emilia Gallotti wenige Jahre später – so der Musikschriftsteller Charles Burney – am Wiener Kärtnertortheater mit Zwischenaktmusiken von Haydn, Leopold Hoffmann und Johann Baptist Vanhall über die Bühne ging, könnte man durchaus zu der Vermutung gelangen, dass zur Zeit des Hellmann-Koberwein'schen Präludiums der esterházyschen Theatergeschichte auch bereits manch eine dem Bühnengeschehen zugehörige Originalkomposition des dortigen Hofkapellmeisters erklungen war.

Als Kandidaten wären hier in erster Linie die auf das Jahr 1769 zu datierenden Sinfonien Nr. 65 und 48 (die später mit dem Beinamen „Maria Theresia“ belegt wurde) zu nennen, wobei besonders die erstere unter den beiden seit H. C. Robbins Landons wegweisender Monographie Haydn: Chronicle and Works (hier v. a. Band 2: „Haydn at Eszterháza 1766 – 1790“, London 1978) dahin gehend verdächtigt wurde – in Teilen oder zur Gänze – aus originärer Schauspielmusik zu bestehen.

Unter den Sätzen dieser A-Dur-Sinfonie hervorzuheben wäre zum einen das Andante, dessen scheinbar zusammenhangslose Aneinanderreihung von eigenartig gestalteten Motiven (wie z. B. im Wiederholungsteil, wo die kantable Einstiegsmelodie der ersten Violinen – von uhrenartig tickenden Streicher-Staccati flankiert und ganz unvermittelt von einer Bläserfanfare untergebrochen – nach einer Passage mit abermals von den ersten Violinen ausgeführten hinkenden Schleifern und anschließender 32-facher Tonrepetition auf a'' (!) zu erneuter Tick-Tack-Begleitung der Holzbläser und mittleren Streichern an die Bässe weitergereicht wird), so Landon, einen „Hauch von Theaterschminke“1 an sich tragen.

Da gibt es aber auch den energischen Menuett-Satz mit vorübergehend zum 4/4-Takt verschobener Metrik, dessen Trio „zwischen einem verstohlen verschwörerischen ornamentalen Ostinato und einer eindeutig verschwörerischen ansteigenden Sequenz hin und her [wechselt]“ (James Webster)2, sowie das Presto-Finale, dessen Jagdcharakter sich aus der (vor allem rhythmusbezogenen) Beschäftigung der Horn- und diversen anderen Orchesterstimmen mit einem französischen Jagd-Signal namens „Ton pour la quete“ nährt, welches zum Ableinen der Hunde geblasen wurde, die den Hirsch von seiner Ruhestätte aufscheuchen sollten.3

Der selbst einst an Jagden teilnehmende Tonschöpfer wird schon gewusst haben, auf was oder wen er damit anspielte. Uns wiederum fehlt nach wie vor der entscheidende Hinweis um die Musik von Hob. I:65 einem konkreten Theaterstück bzw. einem besonderen Anlass zur Komposition zuordnen zu können.

Ein aus den kunstvoll verschlungenen Buchstaben „FD“ bestehendes Monogramm, welches das Titelblatt einer österreichischen Stimmenabschrift ziert, die einst von der weithin berühmten polnischen Fürstin, Kunstmäzenin und regen Theaterbesucherin Elżbieta Izabela Lubomirska für ihre Musikaliensammlung auf Schloss Łańcut (im Karpatenvorland, etwa auf halber Strecke zwischen Krakau und dem galizischen Lemberg gelegen) erworben wurde4, könnte zumindest darauf hindeuten, dass sich jenes Exemplar einst im Besitz eines gewissen Franz Diwald(t) befand. Dieser wiederum war Mitglied der Passer'schen Gesellschaft zu Eszterháza gewesen und sollte später daselbst über den ausgesprochen langen Zeitraum 1778 – 1785 als Impresario seiner eigenen Schauspieltruppe wirken.

1 Vgl. Landons Textbeitrag zur CD-Einspielung „Joseph Haydn: Symphonies Nos. 50, 64 & 65, Tafelmusik, Bruno Weil“, Vivarte / Sony Classical 1994.

2 Zit. nach: http://www.haydn107.com/index.php?id=2&sym=65&lng=1 (Abruf: 10. September 2017).

3 Vgl. Jean de Serre de Rieux: Les dons des enfans de Latone: La musique et la chasse du Cerf. Poëmes dédiés au Roy. Paris 1734, S. 333 (und 289)..

14 Vgl. Joseph Haydn: Sinfonien um 1766-1769 [Hob. I:26 (Lamentazione), 38, 41, 48 (Maria Theresia), 58, 59, 65], hg. von Andreas Friesenhagen und Christin Heitmann, München: G. Henle Verlag, 2008 (= Joseph Haydn Werke, hg. vom Joseph Haydn-Institut, Köln Reihe I, Bd. 5a), S. 195.