WOLFGANG AMADEUS MOZART (1756–1791)
MUSIK ZU THAMOS, KÖNIG IN EGYPTEN KV 345/336a: Nr. 2-5 & 7a (Salzburg, 1775/76)


[Impresario: Carl Wahr]

Maestoso – Allegro / Andante / Allegro – Allegretto (Melodram) / Allegro vivace assai / ohne Tempobezeichnung
(Pherons Verzweiflung, Gotteslästerung und Tod)

Um die Jahreswende 1775/76 – zu etwa jener Zeit also als Haydn sich mit der Umwidmung seiner Musik zur Jagdlust Heinrich des Vierten in eine Konzertsinfonie beschäftigte, feierte sein Kollege Carl Wahr am Salzburger Theater im Ballhaus Erfolge. So wurde am 3. Januar 1776 daselbst und mit musikalischer Unterstützung der unter der Leitung von Michael Haydn, Josephs jüngerem Bruder stehenden fürsterzbischöflichen Hofkapelle, das heroische Drama Thamos, König von Egypten aus der Feder des Tobias Freiherr von Gebler gegeben. Die Musik zum Drama sollte – was seinerzeit mitnichten üblich war – im Theaterwochenblatt für Salzburg Erwähnung finden, wenngleich nur mit der abschätzigen Bemerkung, dass der „Compositeur der Chöre […] den fünften Akt durch die Wiederholungen zu sehr verlängert“ habe. Jener Compositeur – so ist sich die Musikforschung mittlerweile sicher – dürfte allerdings kein geringerer als Wolfgang Amadeus Mozart gewesen sein, der schon in zeitlicher Nähe seines Wiener Aufenthalts von Juli – September 1773 und zwar im direkten Auftrag des Dichters eine Frühfassung der angesprochenen Chöre geschrieben hatte. Dass zusätzlich zu diesen in die Bühnenhandlung integrierten Vokalnummern auch vier Zwischenakte samt Melodram und einer musikalischen Höllenfahrt „à la Don Juan“ erklungen, ja sogar eigens für die besagte, am (katholischen) Festtag des Namensgebung Jesu veranstaltete Aufführung komponiert worden waren, ergab der Befund div. Untersuchungen im Bereich der Schriftchronologie und Wasserzeichen des Mozart'schen Autographs genauso, wie dass dessen mögliche Entstehung auf ein Zeitfenster von ca. April 1775 bis Juli 1776 eingeschränkt werden könne.1

Die Geschichte spielt im alten Ägypten. Ramasses hat König Menes von Thron gestossen, der seitdem nicht mehr gesehen und folglich für tod erklärt wurde. Tatsächlich hat er sich – als Oberpriester Sethos getarnt – in die schützenden Mauern des Sonnentempels zurückgezogen. Hier dient, ohne dass er davon weiß auch Tharsis, seine Tochter und Erbin, unter dem ihr verliehenen Namen Sais. Sie liebt im Geheimen Thamos, den Sohn des Ramasses, der nach dem Tod seines Vaters den Thron besteigen soll.

Die eigentliche Handlung beginnt sich zu entfalten. Der verräterische Pheron, den Thamos fatalerweise für einen seiner engsten Freunde und Berater hält, schickt sich an die bevorstehende Thronbesteigung zu seinen Gunsten zu beeinflussen (Maestoso – Allegro). Die Synkopen, welche die musikalische Textur dominieren, unterstreichen die beständig steigende Dramatik. Der zweite Akt schließt mit einer Musik (Andante), die – so die stichwortartige Kennzeichnung der autographen Partitur durch Leopold Mozart – den falschen Charakter Pherons dem von Grund auf ehrlichen des Thamos mit solistischer Oboe zu in Terzen geführter Antwort des Fagott-Paares gegenüber stellt.

Pheron stiftet eine Verschwörung gegen Thamos an. Mithilfe seiner Komplizin Mirza, oberste der Sonnenjungfrauen, sucht er Tharsis Zuneigung zu gewinnen um durch eine eheliche Verbindung selbst auf den Thron zu gelangen. Jegliches Mittel – einschließlich der Lüge, dass Thamos in Wirklichkeit eine gewisse Myris liebe und (schlimmer noch) Pheron dazu auserkoren habe, sich mit Sais zu vermählen. Sie indes, sich gegen die vermeintliche Bestimmung zur Heirat mit Pheron wehrend, beschließt – zu den dramatisch gesteigerten Mitteln des Melodrams greifend – sich den Göttern zur Sonnenpriesterin zu weihen (Allegro – Allegretto).

Nachdem Pheron erkennt, dass sein Plan zum Scheitern verurteilt ist, versucht er den Thron mit Waffengewalt zu erobern. Thamos wiederum wird gewahr, dass er und Sais / Tharsis einem Betrug anheim gefallen sind. Der vierte Akt schließt in einer Situation der „allgemeinen Verwirrung“ (Allegro vivace assai).

Der Moment ist gekommen, da Menes, der alte König, sich zu erkennen gibt und die Verhaftung des Pheron befehlen lässt. Um ihre letzte Aussicht auf Erfolg gebracht erdolcht sich Mirza, während Pheron, nachdem er die Götter verflucht vom Blitz getroffen wird („Pherons Verzweiflung, Gotteslästerung und Tod“, ohne Tempobezeichnung). Sethos eint Tharsis, deren Gelübde keine Gültigkeit hat, da es ohne die Zustimmung ihres Vaters abgelegt wurde, mit Thamos und erklärt die beiden zu rechtmäßigen, sofortigen Erben seines verlorenen Throns.

1 Vgl. u. a.: Alfred Orel, „Mozarts Beitrag zum deutschen Sprechtheater: die Musik zu Geblers Thamos“, in: Acta Mozartiana, Bd. 4 (1957), S. 43-53, 74-81. Harald Heckmann: Wolfgang Amadeus Mozart. Neue Ausgabe sämtlicher Werke. Serie II, Werkgruppe 6, Band 1: Chöre und Zwischenaktmusiken zu Thamos, König in Ägypten. Krtitischer Bericht. Kassel und Basel, 1958, S. 4-7. Alan Tyson: Wasserzeichen-Katalog. Kassel und Basel, 1992 (= W. A. Mozart. Neue Ausgabe sämtlicher Werke. Serie X, Werkgruppe 33, Abt. 2), Teilband 1, S.