Joseph Martin Kraus (1756–1792)
SINFONIE NR. 9 C-DUR HOB. I:9 1762


[Impresario: Girolamo Bon]

Allegro molto / Andante / Menuetto. Allegretto – Trio

Mit dem ersten und zugleich ältesten der unter dem Motto „Gli Impresari“ vereinten theatralischen Sinfonien Joseph Haydns werfen wir einen Blick zurück – zurück auf jene Zeit, als Fürst Nikolaus gerade erst den älteren Bruder Paul Anton als Oberhaupt der Magnatenfamilie Esterházy de Galántha beerbt hatte. Am 12. Mai 1762, also gerade einmal fünf Tage vor dessen feierlicher Amtseinführung, hatte beim Greifenwirt zu Eisenstadt (ungar. „Kismarton“) eine Gruppe „Welscher Komödianten“ Quartier bezogen, wo sie bis zum Juni selbigen Jahres verbleiben und die im Haydn'schen „Entwurfkatalog“ gelisteten Commedie La marchesa Nespola, La vedova, Il dottore, Il sganarello zur Aufführung bringen sollte. Dieser Theatertruppe – so wird in der Haydn-Forschung vermutet – dürfte ein gewisser Girolamo Bon, pittore Architetto e Direttore dell'Opera vorgestanden sein. Eben jener, ein künstlerisches „Multitalent“ also, das es – aus Bologna stammend – in Sachen Theater u. a. bereits nach St. Petersburg, Berlin, Dresden, Potsdam, Antwerpen, Frankfurt und Regensburg verschlagen hatte, wurde mit Anfang Juli samt Frau und Tochter in fürstlich-esterházysche Dienste übernommen. Neben den sängerischen Qualitäten von Rosa Ruvinetti-Bon und der zu Petersburg geborenen und am venezianischen Ospedale della Pietà geschulten Instrumental- und Kompositionskunst Anna (Lucia) Bons, dürfte nicht zuletzt auch die von 1756 bis 1761 währende Lehrtätigkeit des Familienvaters an der Akademie der Schönen Künste in Bayreuth hierfür ausschlaggebend gewesen sein. Zu des letzeren Arbeiten im Bereich des Szenischen wie Dekorativen gesellten sich alsbald auch solche der Theaterdichtung, etwa bei der (vermuteten) Einrichtung der Libretti für Haydns frühe italienische Opern La canterina, Lo speziale, Le pescatrici und L'infedeltà delusa oder den Huldigungskantaten der Jahre 1763 bis 1767 für Nikolaus I. und dessen Sohn Anton.

Zu einer weiteren, durch Irmgard Becker-Glauch in einer lateinischen Motette wiederentdeckten Kantate1 scheint die aus 1762 stammende Sinfonie C-Dur Hob. I:9 in einem besonderen Verhältnis zu stehen: Ihr könnte das dreisätzige Werk einst – in veränderter Instrumentation – als Orchestervorspiel gedient haben. Somit würden sich auch die eigenartigen Korrekturen im Bereich der Besetzungsangaben erklären, denen zufolge die Komposition ursprünglich mit Pauken, Clarintrompeten und/oder Hörnern und Streichen, aber ohne Oboen (!) erklungen war. Im Autograph, das erst im Jahr 2000 wieder an die Öffentlichkeit geriet und von der Paul Sacher Stiftung in Basel aufbewahrt wird, wurde diese Besetzung schließlich zu Oboen, Hörnern und Streichern geändert.2

Ob nun die C-Dur-Sinfonie einst als Kantaten- bzw. Komödienvorspiel oder vielmehr für die fürstliche Kammer gedacht war – dem Charakter und dramaturgischen Aufbau entsprechend vermag sie sich gut in die Stimmung und Zeit der Majoratsübernahme durch Nikolaus I. Esterházy einzupassen: Ein Allegro molto, das „auf stark profilierte Themen zugunsten von Hammerschlägen aus drei Akkorden, Bläserfanfaren, ununterbrochener Geschäftigkeit und rhythmischen Überraschungen [verzichtet]“ (James Webster), ein pastoral angehauchtes Andante, sowie ein Allegretto-Menuett mit walzerartig nachschlagender Streicher-Begleitung zur melodieseligen Solo-Oboe im ersten und feldmusikalischer Quintett-Einlage im zweiten Trio-Abschnitt.

1 Bei der Motette handelt es sich um das Werk „Quis stellae radius“, Hob. XXIIIa:4. Vgl. Irmgard Becker-Glauch: „Neue Forschungen zu Haydns Kirchenmusik“, in: Haydn-Studien Band II, Heft 3 (Mai 1970), S. 167 – 241, insbes. S. 177 – 183.

2 Vgl. Sonja Gerlach: „Das Autograph von Haydns Sinfonie Hob. I:9 aus dem Jahr 1762“ in: Haydn-Studien, Band VIII, Heft 3 (September 2003), S. 217– 236.